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Frankfurt-Kennerin: Prinzessin vom Main

Von Ich war für Moritz Bleibtreu eine Nutte, und es hat verdammt viel Spaß gemacht...
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Dreh mit Moritz Bleibtreu

Ich drehe mich gerade noch in meinem Himmelbett um, will auf den Wecker draufhauen, entscheide mich aber blitzartig um. Da war doch heute noch was.
Heute ist frühes Aufstehen angesagt. Ronny Rolls, der unverwüstliche damenhafte Damenimitator und zugleich mein 75-jähriger Busenfreund ist im Anrollen. Auch für ihn/sie heißt es heute in aller Herrgottsfrühe: Auf auf, sprach der Fuchs zum Hasen, hörst Du nicht die Hörner blasen?

Wir sind im Duett vor ein paar Wochen für eine Produktion engagiert worden, für den neuen Film „Nur Gott kann mich richten“, in welchem Moritz Bleibtreu die Hauptrolle spielt. Wir spielen zwei Bordsteinschwalben, die dekorativ im Bahnhofsviertel an der Hausmauer lehnen und den lieben Gott einen guten Mann sein lassen.

Ronny trifft ein, er zieht mit der rechten Hand einen schweren Koffer hinter sich her, und die Kippe hält er in der Linken. Oder umgekehrt, weiß nicht mehr.
Ich bin schon aufgetakelt, und bei Ronny wird es noch zwei Stunden dauern.
Der Koffer springt auf, üppige Garderobe quillt heraus. Eine fabelhafte Echthaarperücke á la Eva Gabor wird auf einen hölzernen Kopf gesteckt und neu frisiert. Ronny, immer die Kippe im Mundwinkel, beginnt sein Hexenwerk. Die Verwandlung vom sportlichen Großvater zur Luxuskokotte mit sündigem Augenaufschlag beginnt. Ich kenne das schon, der Maskenbildnerin am Set jedoch fallen fast die Augen raus.

Die gesamte Statisten-Meute wird von Frau Ronny Rolls im Aufenthaltsraum erst mal richtig schön unterhalten. Der triste Raum wird zur Rummelbude, die blinden Fenster schütteln erstaunt ihren Staub ab. Ich schaue runter auf die Straße, wir sind im vierten Stock untergebracht. Es ist kühl, das Wetter herbstelt sehr, und es beginnt auch noch zu nieseln.

Als wir eben mit dem Taxi ankamen unten, da wollte uns gleich ein Opa einladen mit ins 25hours Hotel zu kommen. Im Doppelpack. Da hat der sich aber ganz schön was vorgenommen, der geile heiße Greis. Unten beim Pelzgeschäft von Vassilios Douvlos im Erdgeschoss bekommen wir ein warmes Obdach, Wein wird geöffnet, und Ronny macht Kostümkostprobe. Ja, ich höre schon wieder das Geschrei der Tierschützer. „Ihr tragt Blut auf euren Schultern.“

Ein Pelzhändler, der seine Waren in jahrzehntelanger Tradition wertschätzend an seine Kundschaft vertreibt, macht das auch mit viel Blut. Herzblut.
Ich besitze lieber ein ganzes Leben nur einen wärmenden Pelz, den ich mal geschenkt bekam von lieben Händen, als ständig preisgünstigst Bekleidung heim zu schleppen, die von zerschundenen Kinderhänden gefertigt wurde.

Ach ja, ich bin übrigens Vegetarierin und wurde zur Liebe erzogen. Blieb jedoch ungestüm und ungetauft. Danke, Mama. Danke, Papa.

Doch zur Erinnerung, wie heißt der Film noch gleich? „Nur Gott kann mich richten.“ Cut.

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Moritz Bleibtreu erscheint, ich begrüße ihn und stelle uns vor. „Guten Morgen, hier sind deine zwei Nutten Ronny Rolls und Manuela Mock, oft bestellt und niemals abgeholt!“ Großes Gelächter, gleich gute Stimmung. Wer über sich selbst nicht lachen kann, der ist ein wahrhaft armer Mann. Oder Frau. Oder was zwischendrin.

Es geht los, der erste Take. Wir wandern ins Bahnhofsviertel, das ist nun in der Tat ein Bild für alle Götter. Die hübsche Salome, die ebenfalls eine Bordsteinschwalbe spielt, trägt ein sehr knappes Röckchen, Netzstrümpfe und bauchfrei. Maskenbildnerin Bella trägt ihr für die erste Einstellung den Lippenstift neu auf. Böse Bella, sie hat im Handumdrehen einen neonpinkfarbenen vulgären Mund geschaffen, Salome lacht und wirft sich an die Hauswand. Ganz nach der Regieanweisung.

Aufnahmeleiterin Jana trägt 30 Regenschirme mit sich, zu unserem Schutz.  Ob die nun zum Schutz vor Regen oder zur Vertreibung aufdringlicher Kerle gedacht waren, I don't know. Aber das hat was. Es ist kalt, es zieht, die Autos halten an, hupen und gestikulieren. Banker und Bürodamen glotzen und lachen. Eine winkt und wird von ihrem Begleiter dafür gerügt. Sie wird weggezogen. Einfach weggezogen. Nun, in so manchem Banker steckt halt auch etwas Zuhälterisches.
Wenn ich ein Loddel wäre, ich würde meine Damen mit Würde behandeln und mit Schmäh.

Ronny raucht eine nach der anderen, und wir lassen uns anglotzen, Menschen filmen uns aus dem Auto heraus mit den Handys: Es ist aufregend da steht eine Kamera und Licht und auf den Jacken einiger Männer liest man das Wort „Filmcrew". Magisch, alles magisch. Alles bleibt stehen, steht im Weg, läuft durchs Bild. Fängt teilweise Krach an, wenn der Weg versperrt wird. „Bitte wir drehen, gehen sie außen herum.“

„Was willst du Schwein, ich geh', wo ich will, Mann!“ Ja, solche Antworten gibt es auch, sogar von einer Passantin, die laut anfängt zu schreien, weil sie nicht weiter geradeaus laufen darf.

Die Statisten und Kleindarsteller sehen hier aus wie das Ebenbild der Abgestürzten. Da weiß halt auch keiner mehr, wer hier wer ist.
Der Obsthändler kommt raus und fragt : „Manu, was los hier?“ Wir drehen einen Film, lasse ich wissen. „Ah cool, willst Du Apfel? Dann nimm!", sagt er unaufgeregt und geht wieder rein.

Ronny und ich sind mittlerweile seit drei Stunden auf stand by, waren etliche Male eingeladen in den umliegenden Restaurants und Bars.  Die Aufnahmeleiterin Jana will uns nicht verschwenden, sie „hebt uns auf“. „Das Beste zum Schluss“, flötet sie und eilt mit dem Drehbuch unterm Arm zu Moritz, der vor dem Chango steht und für Selfies posiert. Ferdi vom Chango lässt die Muskeln spielen, und ein paar Minuten später sitzen wir schon in der großen Limousine und fahren zum nächsten Drehort.
Ja, wir fahren. Wir fahren einmal um den Block und kommen erstaunlicherweise fast dort raus, wo wir zuvor waren. Ich muss lachen, kenne die Gegend ja wie meine Westentasche. Aus der Bombay Lounge eilt der drahtige Geschäftsführer, lädt Frau Rolls und mich zum Getränk. Ganz lieb ist das, so ist es hier im Bahnhofsviertel.

Wir sind immer noch nicht dran, Ronny seufzt theatralisch vor sich hin: „So ein Kokolores, das mache ich nie wieder.“ Dann stellt er sich neben einen Heizpilz und raucht erneut. Kokolores ist das Lieblingswort, es kommt ständig zum Einsatz.
Natürlich macht Ronny das wieder, denn er liebt ja das Rampenlicht. Zwischendurch kommt eine SMS, Ronny hat schon wieder eine Zusage für den nächsten Kokolores. Welch eine fabelhafte Rampensau. Love that…du Wunderweib aus der explodierten Wunderlampe.

Gleich gibt es Pause, der „Naked Lunch“-Food Trailer für die Crew wartet in der Niddastrasse auf uns. Lecker, ich habe mich in den Nachtisch verliebt, in den Streuselkuchen mit Stachelbeeren. Ronny isst nichts, er raucht lieber und nippt am griechischen Rotwein. Nippt nur. Mein Korsett spannt, Ronny denkt vor sich hin: „Komisch ich esse nichts und bin trotzdem so fett.“ Nein, das ist doch gar nicht so. Das ist doch gar nicht wahr.

Der Kollege vom Food-Trailer bezeichnet mich als Dame, obwohl ich ja eine Nutte spiele. Seine hübsche Kollegin gibt mir auf meine Pasta eine Extra-Portion Parmesan. Ich setze mich zum Lunch in das Fenster des kleinen kuschligen griechischen Pelzgeschäfts. Da kriege ich auch noch ein Leckerli nachgeschoben, eine frisch eingeflogene Schokopraline aus Dubai. Internationale Kunden bringen eben internationale Geschenke. Das kenne ich auch aus meinem lieben transnormalen Lädchen.

Moritz ist von Fans und Crew belagert, eine andere Hauptdarstellerin hat mittlerweile zwei dekorative Pflaster im Gesicht. Sie schaut nicht gerade amüsiert unter der Kapuze hervor. Das gehört zur Rolle jedoch, wahrscheinlich bekommt sie irgendwo laut Drehbuch ein bis zweimal vors Maul.

Jetzt kommen die Prinzessin und Busenfreund Ronny endlich zum Zug, Großaufnahme. Unsere Lippen bewegen sich, wir sagen Unflätiges…tun dies aber sehr charmant. Wir baggern und graben auf offener Elbestraße, die Nutten von gegenüber kriegen schon einen Hals. Wir sind so umwerfend perfekt und überzeugend, dass es nur einen einzigen Take braucht, um die Szene zur allgemeinen Satisfaction in den Kasten zu hauen. Give me five, Ronny. Jetzt gehen wir zum Absacker ins Moseleck.

Von den ganzen Klamotten haben wir nur wenig gebraucht, Ronny hat zwei Schachteln polnische Kippen geraucht und ist zwölfmal gestolpert. Da liegt aber auch viel Müll rum im Bahnhofsviertel, außerdem waren seine/ihre Schuhe viel zu flach. Salome hat inzwischen eine rote Decke von der Aufnahmeleitung bekommen und freut sich auf die morgige Lungenentzündung. Wir kriegen aber alle Geld für diese Strapazen, und da kann man ruhig mal die Ohren steif halten.
„Jetzt freue ich mich auf ein schönes großes Bier“, lässt la Ronny Rolls herself  mich wissen und schüttelt die üppige rotblinde - rotblonde, pardon - Löwinnen-Mähne.

„Wo ist hier ein Raucherlokal?" Moritz weiß das nicht, er ist zu Gast in Frankfurt.
Aber die Prinzessin höchst selbst empfiehlt sogleich das Moseleck. Wir packen unseren Kokolores ein, und die Zeremonie der Verabschiedung kann beginnen: Küsschen hier, Küsschen da. Nummern und Kontaktdaten austauschen. Bist du auch auf Facebook? Ja, ich habe aber schon 5000 Freunde, muss erst mal wieder 4000 löschen. Aber ich denke an Dich.

Wir gehen nun los und laufen direkt in Uli Mattner, der seine Gäste tourguidend wortgewand und zielsicher in einer tollen Bahnhofsviertel-Tour gerade durch die Straßen führt und steuert.  Er nimmt mich spontan in den Arm und stellt uns gleich vor. Das hier ist die Manuela, die hat ein kleines Lädchen und macht aus Buben Mädchen. Es wird noch kurz von dem Dreh erzählt, dann geht es weiter. Ronny gibt einen frivolen Zweizeiler aus der Hüfte. Alle freuen sich über die unverhoffte Begegnung. „Jetzt haben die wieder was erlebt, dann ist ja alles in Ordnung“, stellt Ronny noch fest und stolpert zeitgleich über eine liegen gebliebene Unterhose. Schnell greife ich nach seinem Arm und bewahre ihn so vor dem Sturz in den Dreck.

Wir erreichen das Moseleck. Ronny tun die Füße weh, der Schmerz vergeht schnell bei einem Glas Bier. Ein leicht torkelnder Mann fragt uns nach Wünschen für die Musikbox. Er spielt dann auch was vom Hako ( Größe aus der Boxerszene).
Vor uns raucht ein Bewegungsloser eine Zigarre, die endlos zu dampfen scheint. Meine Augen tränen, mein Schädel brummt, und Ronny schüttelt sein rotblondes Haar. Und Bambi an der Theke fragt: „Manu, willst Du noch einen Wein?“
Ja, aber dann reicht es für heute. Es war wieder mal ein schöner Kokolores-Tag.
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 

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