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Frankfurt-Kennerin: Prinzessin vom Main

Von Pralles Leben im Kampfstand, eine besondere Begegnung, ein Ständchen für den Stargast: Ein Abend im Tigerpalast.
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Ich sitze im Tigerpalast und freue mich auf die Show. Vom Restaurant wird uns noch der leckere Nachtisch hochgereicht. Meine Finger fassen im Dunkeln nach den kleinen Sauereien. Die kleinen Lampen auf den Tischen müssen ausgeknipst werden, der Umbau in der Mitte des Saales ist beendet, und die Hälfte des Publikums sitzt nun auf der Bühne.

Im Restaurant habe ich erst gut dem Champagner zugesprochen, dann dem begleitenden Wein. Als der Techniker am Tisch vorbei ging, fragte ich ihn leicht vernebelt, ob er der neue Küchenchef sei, denn ich wollte ihm hohes Lob aussprechen.

„Ich mach doch hier die Technik“, lachte er, und ich kniff die Augen zusammen. Klar, jetzt erkenne ich ihn. Stimmt, aber für die Küche braucht man ja auch eine gewisse Technik.

Chefin Margaretha eilt vorbei, sie verspricht, für uns ein kleines Tischlein zur Show zu reservieren. Im Waschraum finde ich vorher hoffentlich Zeit, den Rotweinfleck vom Mundwinkel zu wischen. Der ist immer da, das kenne ich schon.
„Möchten Sie ein Taschentuch, Sie bluten ja?“, fragt eine hübsche Dame im nachtblauen Kleid. Sie steht neben mir vor dem Spiegel und reicht mir lächelnd ein kleines Tuch.

Ich schaue sie an und lächle zurück. „Das kann ich doch nicht nehmen, das ist ja aus Stoff und trägt ein Monogramm.“
„Ach nehmen Sie es ruhig, ich habe ganz viele davon. Die sind alle noch aus dem Nachlass meiner Tante.“
„Da war Ihre Tante ja eine richtige Lady mit Stil, ich werde es in Ehren halten", sage ich und greife immer noch zaghaft zu dem angebotenen Tüchlein.

Dass ich nicht blute, verschweige ich lieber. Die Tür klappt zu, und die Frau ist weg.
Ich stehe nun alleine vor dem Spiegel und bin glücklich, dass so viele Menschen so lieb zu mir sind. Ich hätte auch gerne solch eine elegante Tante gehabt. Vielleicht habe ich auch eine und weiß es nicht. An meine Oma, die väterlicherseits, erinnere ich mich nur schwach: Pudel und kristallene Likörflaschen. Schwere Holzmöbel tauchen vor mir auf mit Schnitzereien, ein großer Sessel und viele tolle Kissen drauf. Diese Oma hatte einen strengen Blick. Wer weiß, wie die drauf war?
Eines jedoch glaube ich zu wissen: Diese Frau hatte viel gesehen in ihrem Leben.
Die war nicht nur Oma, die war ein Kampfstand.
 
Man lädt mich oft ein, wildfremde Menschen beginnen Gespräche mit mir, und ich bin ganz ehrlich: Ich verlange ja nichts. Ich bin nur ehrlich zu mir selbst und zu andern. Ich bin immer ich selbst. Das spürt man wohl. So gelingt es mir auch gut, auf Abstand zu gehen, wenn ich mich nicht wohl fühle. Ich verlange ja auch hier wieder nichts, nur meine Ruhe.

Das kleine Taschentuch stecke ich in meine Handtasche und gehe zurück an meinen Tisch. Auf der Bühne steht Johnny Klinke und führt durchs Programm.
Ich schaue hoch zur Empore, wo das kleine Orchester des Tigerpalastes wie immer seinen Platz gefunden hat, ich sehe Akrobaten, Zauberer und lache mit dem Puppenspieler. Im Finale kommen alle Artisten auf die Bühne und singen dem Stargast des Abends, Sängerin Joan Faulkner, ein Geburtstagsständchen.
Alle stimmen ein. „Happy birthday, dear Joan, happy birthday to you!“

Eine Bühne ist ja auch eine Variante des Kampfstandes. Die Scheinwerfer. Das Publikum im dunklen Saal tastet die Künstler mit den Augen ab. Da bleibt nichts ungesehen. Es muss alles sitzen und klappen, jede Bewegung, jeder Ton und das Zusammenspiel zwischen dem Mensch auf der Bühne und dem Zuschauer, das Häubchen Sahne ist der donnernde Applaus.

Vieles sieht so einfach und leicht aus, ist jedoch Schwerstarbeit. Akrobaten im ehrlichen Schweiß, musikalische Darbietungen live und ohne doppelten Boden, jeder Schritt wirbelt Staub auf, der kurz im Rampenlicht tanzt, bis er wieder zu Boden fällt. Wenn man solch eine Show erlebt hat, vermisst man nicht die heimische Fernbedienung. Man wertschätzt das wirkliche Leben.
 
 
 
 
 
 
 
 
 

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