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Frankfurt-Kennerin: Prinzessin vom Main

Von Herrlich verrückt! Man muss es nur zulassen, das Leben. Beweis gefällig?
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Als ich hier in Frankfurt ankam, da schlüpfte ich minderjährig und unbegleitet in ein Zimmer am Weißen Stein, ein WG-Zimmer. Herrliche Aussicht auf die S-Bahn-Haltestelle von meinem Erkerzimmer aus, da konnte man so gut die Leute beobachten. Menschen verhalten sich ja immer komplett anders, wenn sie sich unbeobachtet fühlen. Also, das tue ich auch, aber wenn dann doch jemand zuguckt, dann ist mir das auch ziemlich egal. Ich bleibe meist gleich.

So ungefähr zweimal die Woche schaute ein Sozialarbeiter bei uns vorbei. Er hatte lange Haare und kam auf dem Motorrad. Da bin ich auch gerne mal mitgefahren. Eigentlich sah der aber aus wie ein Rocker. Also, so wie ein Bürger sich einen Rocker halt so vorstellt. Ich hatte stets eine Affinität zu Typen mit langen Haaren, ist auch irgendwie alles cooler, wenn man mit so einem Outcast irgendwo auftaucht.

Ich musste nicht lange suchen, da entdeckte ich auch meinen Drang zur Bühne und begab mich flugs in eine Schauspielschule. Da habe ich stundenlang mit einem Korken im Mund Sätze und Laute von mir gegeben. „Ah, Oh, Uh, Aaaaaaaaaaaaaa.“ Hinter irgendwelchen Kindertheater-Kulissen irgendwo im Nordwestzentrum, glaube ich mich zu erinnern, dass eine hämisch grinsende Liesel Christ in meine Richtung geblickt hat. Damals kannte ich nichts in Frankfurt, keine Hesselbachs und keinen Personenkult. Eine andere Mitschülerin fragte also die ältere Dame , die da so vor dem Spiegel saß, ob sie ihre Haarbürste benützen dürfe. Die Antwort lautete kurz und schmalllippig. „Nein!“ Dieses „Nein“ höre ich heute noch. Und das dazugehörige Gesicht steht auch vor meinem geistigen Auge parat. Immer wenn ich die Hesselbachs gucke im Hessischen Rundfunk: Egal was Mama Hesselbach macht oder tut oder ihre Troppen benötigt vom Karl, ich sehe und höre dieses „Nein.“

Mir ist es damals schon aufgefallen, dass Menschen, die in der Öffentlichkeit stehen, sich ständig anders verhalten. Manchmal kennen sie dich, manchmal ignorieren sie dich, und je nach Lage bist du ihnen im Weg oder ihr Untertan. Konnte mir aber keinen Reim drauf machen. Warum Prominente so gerne ihre Kinder in die Kamera halten, oder mit Labelklamotten vor Kameras und Stellwänden voller stumpfsinniger Werbung posieren, das werde ich bis zum heutigen Tage nicht verstehen. Es ist ein Teil vom Zirkus, dem Medienrummel Futter zu geben, jeden Furz zu vermarkten und aufzublasen.

Doch sind es oft die kleinen Nebendarsteller oder auch Filmemacher, die kein großes Budget haben, die zum echten Kult werden. Ich freue mich immer, wenn ich solche Leute treffe, die an ihren Traum glauben und sich nicht den Blick verstellen lassen. Sich nicht kaufen lassen. Ich mag sie heute noch mehr als früher zu einer Zeit, wo es mich instinktiv und unwissend in deren Kreise verschlagen hatte. Hatte ich eine Ahnung von Andy Warhol? Nein, eher nicht. Aber ich bin sehr früh in die Kreise von Travestie-Künstlern und Show-Leuten geraten, und dort hat für mich das richtige bunte Outcast-Leben erst begonnen. Es mussten aber immer prominente Steigbügelhalter her, um den Paradiesvögeln den Auftritt im Film oder Fernsehen zu ermöglichen. Zum Beispiel Alfred Biolek, der in seiner Sendung „Bio's Bahnhof“ damals vielen Kleinkünstlern zu Anerkennung und Ruhm verhalf. Da traten Weltstars auf, die genauso befreundet waren mit Alfred wie z.B. ein Damenimitator, den bis dahin noch kein Schwein kannte.

Nach dem Auftritt bei Bio's Bahnhof schoss die Karriere des Bob Lockwood  durch die Decke. Ein junger hübscher Kerl mit einer großen Wandlungsfähigkeit, ein amerikanischer Maskenbildner, der seine Kunst einfach an sich selbst anwendete. Mit großer Geschicklichkeit verwandelte er sich in Josefine Baker, Marilyn Monroe und viele andere weibliche Ikonen. Das Publikum lag ihm und den Damen, die er parodierte, zu Füßen. Bald bekam er auch eine eigene Fernsehsendung und trat auf unzähligen Galas auf. Ein Star war geboren.

Wenn er in der Nähe von Frankfurt war, hat er uns immer im Travestie-Cabaret besucht, und meistens hat er dann bei mir übernachtet. Das haben viele Künstler gemacht, ich hatte so eine richtige kleine Artisten-Pension in meiner Bude. Da war die Hölle los auf den paar Quadratmetern.

Ich erinnere mich so gerne an diese Zeiten, alles ungeplant, frei und vollkommen herzlich. Man gönnte sich den Erfolg gegenseitig, und niemand vergaß den anderen. Gemeinschaft, nannte man das, Interessengemeinschaft. In meiner Kommode habe ich Briefe und Postkarten aus mehreren Jahrzehnten aufbewahrt. Von Eartha Kitt, Hildegard Knef, Lotti Huber, Bob Lockwood und vielen mehr. Da ging es immer um Musik, Kunst und Ideen, die es zu verarbeiten galt. Ich nannte das immer: „Gegenseitiges Befruchten.“

Wenn ich mir den Stress im Showgeschäft heute so betrachte, dann glaube ich, die Kunst und die damit verbundene Freiheit stirbt rapide aus. Ob in der Zeitung, ob im Fernsehen oder auf der Bühne. Es geht immer nur um Geld. Das kann man sich nicht leisten, dies kann man sich nicht leisten. Hier muss man schrumpfen, dort muss man streichen. Druck vor dem Druck und Druck nach dem Druck. Viele Künstler waren doch oft bettelarm und haben es trotzdem zur Unsterblichkeit geschafft. Man muss ja nicht gleich die ganze Welt erobern, ein Stadtteil reicht doch fürs Erste.

Ich z.B. fände es klasse, wenn in jedem Stadtteil Frankfurts ein kleines Kino wäre, welches Filme junger Filmschaffender zeigt mit Darstellern, die nicht auf eine Schauspielschule gehen. Jungs und Mädels von der Straße, mit ihren eigenen Geschichten und eigenen Gesichtern. Gesichter, die nicht geformt wären von Maskenbildnern nach Plan. Mit zufriedenen Gesichtern. Ein Film, wo auch mal was schief gehen kann, ohne das die Zeit läuft und das Geld knapp wird. Wo der Spaß und das freie Spiel an erster Stelle stehen. Wenn es für ein Kino nicht reicht, dann halt eine Stadtteil-Bühne, wo alle mitmachen können, die sich berufen fühlen. Ich glaube, das wünscht sich fast jeder Mensch: Etwas frei zu gestalten. In seinem unmittelbaren Umfeld, mit seinen Interessen nach seinen Wünschen. Ohne an den zu erwartenden Gewinn zu denken, einfach laufen lassen und schauen, was passiert. Ja, da könnten Wunder geschehen.

Wer sich künstlerische Anerkennung verschafft, der neigt auch nicht so schnell zur Gewalt, Vereinsamung oder kompletten Verblödung. Für mich hat sich auf wundersame Weise mal wieder solch ein Tor im Leben aufgetan. Der Kult- Regisseur Klaus Lemke, den ich vor zwei Wochen traf, hat mir eine Hauptrolle in seinem neuen Film angeboten. Arbeitstitel: „Overnight Slavery“. Ich darf darin spielen, was ich bin, nämlich mich selbst, die Chefin. Auf diese Herausforderung freue ich mich schon jetzt. Danke, Mr.Lemke, I will not dissapoint you at all.

Sie lebe vier- bis fünfmal hoch, die Bohéme! Herrlich verrückt, man muss es nur zulassen, das Leben. Der Freigeist und der Himbeergeist sind immer nach Diktat verreist.

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