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Frankfurt-Kennerin: Prinzessin vom Main

Von Fast über den Haufen gefahren worden und mächtig Wut gekriegt. Da hilft nur eins: mein zauberhafter Malkasten!
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Haben Sie sich heute schon aufgeregt?
 
Ich gehe grade aus dem Haus. Es geht mir gut. Habe drei leere Sektflaschen in der Hand von der letzten Feier am Wochenende, die müssen noch rüber in den Altglascontainer. Dann geht es, so stelle ich es mir noch vor, federleicht und unbeschwert mit der schwarzen Standardhandtasche in die Innenstadt.

Doch halt!

Ich betrete die Fahrbahn, habe fußgängerlindgrün. Da hupt es, nach dem Lärminferno wird mir das Bescheuerten-Zeichen angedient. Die Frau im Auto wischt mit einer Hand vor ihrem Gesicht herum und ihre Augen quellen komisch hervor. Elendiger Anblick, hätte ich mir gerne erspart. Meine Welt ist in sekundenschnelle eine andere geworden.

So sehe ich nun erst diese wischende Furie, dann nur noch ihre Rücklichter und hätte ihr am liebsten alle drei Flaschen hinterhergeworfen. Zähneknirschend bete ich wie ein Mantra ihr Kfz- Kennzeichen vor mich hin und werfe auf den Schreck erst Mal die Flaschen ein.

Für jeden zu Unrecht erlittenen Hupton enthaupte ich in meinem Hirnkasten das Wischweib. Machete und weg den Kanisterkopp. Ich trage ihren Kopf spazieren, abwechselnd links oder rechts mit meiner Handtasche. Das Kennzeichen tanzt mit blutroten Schleiern wie ein Derwisch vor meinem geistigen Auge Kasatschok. Die Hassmütze nimmt Dimension an. Sie bläht sich auf wie ein gigantischer Puter.
Ich atme ein, tief atmen, Frau Mock.

Was da alles hätte passieren können. In Sekundenschnelle, zack fertig. Bei Grün über die Ampel und mausetot oder Ähnliches. Fertig, Prinzessin. Vor lauter Wut nicht auf die Gitter eines Abluft-Systems achtend, stolpere ich nun auch noch und falle fast hin. Das hat die Wut gemacht. Nicht ich. Anzeigen, ja anzeigen werde ich diese Matrone. Soll ich nun direkt zum Revier gehen, und wie war doch gleich das Kennzeichen? Vor lauter Konzentration auf die Wut habe ich einen Zahlendreher vorgenommen. Die Bahnhofsuhr zeigt viertel vor fünf. Also das war vor ca. acht Minuten.

Das werden die ja fragen, wegen des Protokolls. Soll ich noch was hinzudichten, dass ich umgeknickt bin vielleicht? Zeugen, habe ich Zeugen? Aussage gegen Aussage. Ich erinnere mich voller Wut an eine andere Verkehrssituation. Ach, da könnte man ja jetzt Hunderte, gar Tausende aufzählen. Wer kennt das nicht? Ach, es ist alles so ungerecht.

Die Wut steigt wie ein Heißluftballon gen Himmel. Denke an Jahre zurück, als mir eine  Wildwest-Oma in Klein-Auheim in der 30-er-Zone erst die Lichthupe und dann an der Ampel eine Ohrfeige durchs heruntergelassene Autofenster gegeben hat. Oder die Alte, die mich beinahe samt Yorki vom Zebrastreifen gefegt hat. Ein anderes Luder hat mich zur Vollbremsung. Da bin ich an der nächsten roten Ampel ausgestiegen und habe ihr beide Scheibenwischer abgeknickt.

Welche Farbe hatte denn das Auto und welche Marke? Habe ich schon vergessen. Mann, Mann, Mann. Erinnere mich aber genau, dass ich drei Flaschen eingeworfen habe. Eine Grüne, eine Helle und eine Pinkfarbene. Es hupt schon wieder, diesmal ein Bekannter. Er winkt aus dem Auto und zeigt mir eine Reihe schneeweißer Zähne, Augen verborgen hinter dunkler Brille. Ein wichtiger Mann. Es scheint keine Sonne, bei mir zumindest im Moment nicht. Ein wichtiger Mann,  er hört nicht auf zu hupen. Das Hupen klingt jedoch anders. Freundlich, fast einladend. Diese Hupe jubiliert mir ins Gehör geradezu. Dabei ist es doch auch nur eine Hupe.

Hatte ich wirklich grün? „Manu, wie geht's? Magst Du mit zum Hamsilos, ich wollt was essen?“,  fragt der wichtige Mann. Hinter ihm beginnt schon wieder ein Hupkonzert, weil er auf der Fahrbahn den anderen den Weg versperrt mit seinem Range Rover. Hinter jedem Lenkrad ein glücklicher Huper. Endlich hupen.

Das Hamsilos, das leckere Hamsilos mit den guten Fischen aus aller Welt in der Münchener Straße. Klar will ich mit.  Noch mal durchatmen und langsam einsteigen. Das Hupkonzert schwillt an, ich lasse mir noch ein wenig mehr Zeit, ziehe langsam die Beifahrertür zu. „Bitte fahre erst los, wenn ich mich angeschnallt habe“, flöte ich und greife in Zeitlupe bedächtig neben mich, zurre zärtlich den Gurt. Soll ich dem Kumpel jetzt hier erst mal die Ohren vollblöken, was mir eben noch Unerhörtes passiert ist?

Nein, ich entscheide mich, für ihn mein schönstes Lächeln aufzusetzen und mich auf ein feines unerwartetes Abendessen zu freuen. Das Hupen hat aufgehört, wir rollen wieder. Alle rollen. Meinen Schalter lege ich um auf gute Laune und erfinde , um mir selbst eine zusätzliche Freude zu bereiten, eine kleine Lügengeschichte.
Ich erzähle auf der kurzen Fahrt, dass ich auf einen tollen Tag zurückblicke und dass ich eben eine Freundin zu Besuch hatte, die eine Reise nach Florida gewonnen hat. Bei einer Tombola.

Ich habe das so fröhlich und überzeugend vorgetragen, als wäre ich selbst der glückliche Gewinner. Da hat mein ganzes Hirn sich umgestellt, und meine Wut war umgehend verraucht, wie eine Camel Filter im Mundwinkel hat sie sich verdampft.
Wenn es mal keine gute Nachricht gibt, dann muss man sich eben selbst eine schicken. Das funktioniert im Kleinen wie im Großen.

Ich programmiere mich selbst, das gilt für alles im Alltag. Bevor man lostobt und die Nerven verliert, stelle man sich vor, wie es wäre, wenn es schön wäre. Man spielt erst das Programm Wut auf, dann wird es gelöscht durch das Programm Freude.
Und dann noch ein bisschen durchatmen, bis die Welt wieder eine schöne Farbe annimmt.

Heute bin ich die Ruhe selbst. Das alles liegt hinter mir, die Welt der Wut.
Dein Malkasten, Dein Werkzeug, Dein Werk!
 
 
 
 
 
 
 
 

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