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Frankfurt-Kennerin: Prinzessin vom Main

Von Wir sind Lichtgestalten. Aber jeder muss seinen Weg finden, sich zum Leuchten zu bringen.
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Wir sind Lichtgestalten

Ich erinnere mich an eine Sendung, da stand ich mit Jenny Elvers und anderen Damen hinter den Kulissen. Das ist bestimmt zwanzig Jahre her. Der Aufnahmeleiter fragte: „Wer ist hier von Euch die Jenny?“ Für ihn unersichtlich, denn es standen fünf blonde Weiber dort vor ihm und warteten auf ihren Auftritt. Jenny hatte mir kurz vorher noch erklärt, sie sei eine Lichtgestalt. Sie erzählte, sie erhelle jeden Raum, wenn sie ihn betritt, denn sie sei auffallend und blond.

Sie mag recht haben, nur sieht das nicht jeder so. Ich z.B. mag blonde schöne Frauen, aber ich will sie ja nicht flachlegen. Ich schaue sie an, wenn sie dann noch stilvoll und vielleicht noch humorvoll sind, dann finde ich sie umwerfend. Das war schon in der Schule so, ich habe sogar meine Klassenlehrerin verehrt und angehimmelt. Die sah aus wie eine Mischung aus der Monroe und Doris Day. Fand ich zumindest.

Im Schulbus fuhr immer ein Mädchen mit, das war zwei Klassen über mir. In jeder Hinsicht, wie ich das empfand. Ich hatte zwar keine Pickel, keine Brille, auch meine Zähne standen grade. Dank einer Zahnspange, die ich jahrelang trug. Aber dieses ältere Mädchen war für mich auch eine Lichtgestalt. Sie hatte ein tolles Gesicht und eine dunkelblonde Löwenmähne. Wenn sie in den Bus stieg und alle Plätze belegt waren, dann stand garantiert ein Junge auf und bot ihr den Platz an. Sie bedankte sich lächelnd, ihre Ohrringe klapperten, und im Winter schaute ihr Dollface aus einem engen Rollkragenpullover heraus.

Wenn ich mir einen Rolli anzog, dann glaubte ich, keinen Hals mehr zu haben. Aber ich hasste es auch, den über den Kopf zu ziehen, dann wurde die Haare elektrisch aufgeladen und klebten an den Wangen und Schläfen. Da musste ich dann erst wieder mit einem angefeuchteten Kamm durch, um den Scheiß wieder in Ordnung zu bringen. Dann ging es einigermaßen. Die weibliche Macht musste ich noch entdecken und rausfinden, wie das genau geht. Wartet nur, bis ich das erste Haarspray und das Creme-Makeup in den Händen halte.

Dass ich bei den Jungs recht beliebt war, lag wohl an meinen Torhüterqualitäten. Ich spielte gerne Fußball. Wir hatten ja einen eigenen Platz hinterm Haus, und ich hielt allein schon deshalb jeden Ball, weil ich Angst hatte, er würde in meine Fenster geschossen. Zu Weihnachten bekam ich von meiner Mama mal ein paar Lockenwickler, ich drehte die Haare stramm auf und goss eine Flasche lila Festiger drüber. Dann legte ich mich schlafen. Am nächsten Tag konnte ich nicht zur Schule gehen.

Mein Vorbild war die Lehrerin, dann kam die Monroe. Ja, und Suzi Quatro war auch noch dabei. Welche Mischung. Ich besorgte mir ein Outfit, stellte mich in den Türrahmen und guckte, wie ich es stundenlang geprobt hatte. Eine Freundin knipste mich. Aus der Bravo-Zeitschrift habe ich mir die Stars ausgeschnitten und an den Spiegel geklebt. Auf den entwickelten Bildern sah ich aus wie Calamity Jane, das Flintenweib. Sie zählte damals noch nicht zu meinen Idolen. Ich glaubte sofort, die falschen Posen und unerreichbaren Vorbilder hinderten mich daran, einen eigenen Stil zu entwickeln. Das war lange vor Foto-Shop. Eine eigene Persönlichkeit muss her. Den ganzen Bravo-Müll habe ich dann in hohem Bogen in die Tonne geworfen. Eine wunderbare Entscheidung mitt en in der sogenannten Pubertät. Ich glaube, das geht vielen Menschen so. Sie lassen sich in die Irre leiten, in jeder Hinsicht, und gehen in den entscheidenden Jahren am eigenen Weg vorbei.

Doch wo ist der eigene Weg? Ich glaube, er beginnt dort, wo man sich entfaltet. Wie ein Schmetterling von Blüte zu Blüte fliegen, das geht meist nicht. Auf dem Weg wird man immer aufgehalten, durch das Netz des Fängers. Sei es, dass er dich besitzen will und aufspießt mit einer Nadel, um dich hinter Glas zu stecken. Vielleicht reißt er dir auch aus Gemeinheit einen Flügel aus oder er zertritt Dich, weil Du wehrlos bist. Wenn Du jedoch deine Freiheit bewahrst, dann schätze sie als höchstes Gut und fliege so weit, so oft und so hoch du kannst. Das ist es doch, was uns alle fasziniert. Der Aufstieg.

So ist es auch mit guten und talentierten Travestie-Künstlern, die ich so schätze und bewundere. Sie spielen eine komplett andere Rolle und stehen mit dieser im Licht. Beim Hessischen Rundfunk habe ich auf dem Plattenhof mal Ru Paul getroffen. Ein großer hübscher Mulatte mit Sommersprossen fragte mich, wo die Garderobe ist. Ich hielt ihn für einen Kostümbildner. Privat erkennt man sie oft nicht. Dann tragen sie Jeans und Pulli oder bei festlichen Gelegenheiten einen Smoking. Wie Georg Preusse, den ich vor kurzem bei einem Empfang wieder mal von Herzen mit einem kleinen Küsschen begrüßte. Er trat schon vor Jahrzehnten in Cabarets auf und begann sein Programm damals in Frankfurts Katakombe. Da war ich zwar noch nicht dabei, aber es wurde mir viel erzählt. Ich besitze aus diesen Zeiten übrigens auch das Gästebuch, welches der damalige Chef mir vererbte.

Darin habe ich auch die erste Autogrammkarte von Mary Morgan in Ehren gehalten. Nun, Mary ist sehr schillernd, und als Georg bescheiden. Das mag ich so gerne leiden. Mary, Christmas.

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