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Frankfurt-Kennerin: Prinzessin vom Main

Von Bald überall wird man belogen, betrogen und geblendet. Zum Glück gibt es noch Orte des Wahren, Schönen und Guten...

Ich finde es schön, wenn Menschen in andere Rollen schlüpfen um sich selbst oder anderen Freude und Unterhaltung bieten. Weniger schön ist es, wenn man dies tut, um den anderen zu täuschen. Egal wohin man schaut, die Welt ist voller Fake News, voller unaufrichtiger Menschen. Und es scheinen immer mehr zu werden, so unglaublich hoch ist die Zahl der Nichtigkeiten und Lügen, mit denen wir rund um die Uhr gefüttert werden. Also ich habe es satt.

Fotos werden abwegig untertitelt, es werden nur Ausschnitte gezeigt, nicht das Ganze, Tatsachen werden geleugnet, Worte verdreht, und die ganze Suppe wird über unseren Köpfen ausgegossen und landet als Sondermüll in unserem Hirn. Ach nein, ich erhöhe auf Giftmüll.

Heute Abend werde ich mir im Film-Museum „Die Büchse der Pandora“ ansehen. Einen wundervollen alten Kinoschinken zum Träumen. Ohne Unterbrechungen mit einem Glas Wein in der Hand in einem roten Samtsessel im Halbdunkel. Da stört mich kein Seitenbacher, keine Amy Zadingsbums, ihres Zeichens Wäscheexpertin, geht mir auf den Vorwaschgang, und Vodafone foltert nicht mein Lieblingslied vom Rag'n Bone Man.

Die Hauptdarstellerin der Pandorabüchse, Louise Brooks, sieht original aus wie eine zweite Ausgabe meiner Mama zu ihren Teenagerzeiten. Da träumt es sich doppelt besser, ich bin meiner Mutter unendlich dankbar, dass ich ohne Fernseher aufwuchs. Da gab es keine Glotze, da gab es keinen Fertigfraß, da gab es frische Luft und gesunde Ernährung, das Sammeln vierblättriger Kleeblätter und Bucheckern beim Waldspaziergang. Die Eroberung von Höhlen im Nerotal und das Bauen von Staudämmen in kleinen Bächen und Rinnsalen.

Meine Mama hatte Zeit für mich, trotz ihrer Berufstätigkeit. Eine alleinerziehende Mama. Eine Witwe, bescheiden und stolz auf ihr liebevolles und hilfsbereites Kind.
Heute zeigt man ungeniert, dass man pleite, aber sexy ist, am Ballermann. Der Schwächste fliegt, es wird gelästert, ausgelacht, sich hämisch die Hände gerieben über Pleite und Unheil, die den anderen ereilen. Unterhaltung und Werbung heute steht dem alten Rom in nichts nach. Der Grundgedanke ist ähnlich. Der eine frisst, der andere wird gefressen, und die, die sich eine Eintrittskarte leisten können, schauen gierig zu. Löwenanteil muss sein.
 
Ich hatte nicht viel, aber genügend, um zu einem empathischen Menschen heranzuwachsen. Ich glaube, wenn man im Herzen bescheiden bleibt, muss man auch nicht wissen, wie viele verschiedene Arten von Kopfschmerz es gibt. Es reicht, wenn man sich darüber im Klaren ist, das das oberste Gebot im Leben nicht die unterste Schublade ist.

Ich vermisse die saubere, ehrliche und harmlose Unterhaltung, die Spannung, etwas Neues zu entdecken. Warum  immer Mord, warum immer Totschlag, warum alle paar Minuten Werbeunterbrechungen. Warum, zur Hölle? Können Menschen nicht einfach miteinander lachen und nicht übereinander? Im Sekundentakt muss unser Geist und das Unterbewusstsein Werbebotschaften verarbeiten, Hinweisschilder erkennen, zuordnen, verknüpfen und verbinden. Umschalten, aufpassen, abschalten, rausziehen den Stecker und Feierabend. An jede freie Stelle klebt jemand für viel Geld seine kreative Botschaft hin, Aufkleber bedecken Autos und überwuchern sie wie Moos die Mauern. T-Shirts, Kaffeebecher, Frühstücksbrettchen: Alles schreit dir aus den Schränken schon entgegen. Parolen werden uns um die Ohren gehauen und klatschen wie nasse Waschlappen in die Synapsen. Das Ganze wird musikalisch untermalt. Der Seitenbacher, es würde mich nicht wundern, wenn der in der nächsten Staffel beim Bohlen auftaucht und das Supertalent wird.

Ich freue mich jetzt auf einen erweiterten Spaziergang ins  Bahnhofsviertel, denn dort lese ich gerne die Botschaften. Da wohnt die ganze Welt auf ein paar hundert Metern. Fast jedes Lädchen ist liebevoll dekoriert, man kann oft nichts lesen oder verstehen, aber das macht nichts. Man wird ja nicht gegängelt oder gedrängt.
Es geschieht ja freiwillig, wenn ich da interessiert in die Fenster und Auslagen gucke. Es gibt immer wieder etwas zu entdecken, selbst die vielen Aufkleber und lustigen handgeschriebenen Hinweisschilder und Angebote. Die machen Lust auf mehr.

Bild-Zoom

Heute z.B. hat der Alim Supermarkt einen kleinen handbemalten Leiterwagen mit Maronen gefüllt und auf dem Gehsteig platziert. Das sieht so ehrlich aus und schön. Appetitlich und einladend. Das nenne ich mal Werbung, die berührt. Es geht so einfach, etwas an den Mann oder die Frau zu bringen, wenn die Ideen dem Herzen entspringen.

Da türmen sich aber auch oft Berge von Sperrmüll oder Abfall, und nebendran wartet an der Straßenbahnhaltestelle eine Frau mit schicken Stiefeln und teurer Handtasche. Da guckt man einfach drüber weg, über den Müll. Da guckt man nur nach der hübschen Dame. Ach, wenn das abschalten doch überall so einfach wär'.
Denn eines ist klar: Weniger ist mehr.

 
 
 
 
 
 
 
 
 
 

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