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Frankfurt-Kennerin: Prinzessin vom Main

Von Wenn Schönheit zur Hochleistung wird, verliert sie ihren Zauber. Haltung und Stil kann man eben nicht käuflich erwerben.
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„Da hinten, da hinten, da hinten ist das ganz Billige.“ Ich stehe gutgelaunt in einem Drogeriemarkt und zucke unwillkürlich zusammen. Da ich ziemlich weit hinten am Regal stehe, fühle ich mich direkt angesprochen. Sehe ich heute wirklich so billig aus? Zwei Schülerinnen drängen sich an mir vorbei, Gott sei Dank, und sie bilden umgehend ein aufgeregtes Knäuel an einem Regal mit schleuderpreisigen Kosmetikartikeln.

Ich möchte nicht wirklich wissen, was für ein Giftzeug das ist. Selbst als ich so ganz jung war, vielleicht 12 oder 13, und nichts auf der Tasche hatte, ließ ich die Finger von Schund und sparte mich lieber in Grund und Boden, um mir dann ein einziges hochwertiges Teil zu leisten. Und Tester, die habe ich dann einfach eingesteckt und bin raus. Okay, ich habe das dann geklaut. Das war nach meinem Verständnis auch in Ordnung, denn es stand ja stets drauf: „Sample, not for sale.“

Auf den hiesigen Flohmärkten standen auch immer Parfümeriemitarbeiterinnen und boten Proben namhafter Hersteller und Tester zum Verkauf an, die haben das am Arbeitsplatz wohl nach Feierabend mitgehen lassen. Ach Leute, das tut doch niemandem weh.

Das Wort „billig“ finde ich übrigens auch ziemlich gemein. Es hat einen negativen Touch. „Günstig“ oder „preiswert“ klingt doch viel hübscher. Eine Gelegenheit kann z.B. günstig sein, etwas kann seinen Preis wert sein, aber billig sein ist einfach unschön.

Als ich dann hier in Frankfurt im Travestie-Cabaret „Zum Elch“ meinen Dienst als (einziges) Mädchen für alles antrat, wurde es richtig bunt. Ich entdeckte die große weite Welt der Farben und Federboas. Auch hier zu Gast waren viele Stars, manchmal sogar Weltstars, doch wirklich erkannt hat man sie nicht auf Anhieb. Und fotografiert schon gar nicht. Ich entdeckte die Welt der Düfte, Chanel Nr. 5, Opium oder Joy. Das habe ich mir nach und nach alles gekauft oder schenken lassen. Bestimmt habe ich in meinem Leben schon an die 50.000 Euro, Yen, Lire, Dollar oder Pfund versprüht.

Düfte habe ich stets mit einem lieben oder sogar geliebten Menschen verbunden, wenn ich Dich gut riechen kann, schaffe ich mir also Deinen Duft an. Auch wenn man einen Stil oder Farbton für sich entdeckt hat, dann sollte man ihn bestenfalls lieben. Für sich selbst ganz allein oder in Gedenken an einen geliebten Menschen. Gute Düfte überdauern die Zeit. Sie sind jahrzehntelang erhältlich, und aufgebrauchte Flakons werden oft zu begehrten Sammlerstücken.

Da hatte ich großes Glück, guten Lehrmeister/innen zu begegnen. Ich durfte, nicht nur in unserem Cabaret, Schminktische sehen, die individuell gestaltet waren. Darauf befanden sich Wattepads, Fetzen von Papiertaschentüchern mit Lippenstiftabdrücken. Kussmünder de luxe. Falsche Wimpern aus Nerzhaar, weich und dicht und verführerisch. Solche Wimpern hielten bei der Trägerin auch sehr sehr lange. Die wurden ja auch gepflegt mit Ölen, und dann platzierte man sie wieder bis zum nächsten Einsatz liebevoll in eine Schachtel. An einem beleuchteten Spiegel klebten kleine Fotos oder Briefe der Verehrer. Oder auch mal eine Feder. Eine silberne Haarbürste, ein geheimnisvolles Kästchen und manchmal auch falsche Nägel. Ich habe die Schminktische von Zsa Zsa Gabor, Madonna, Rosita Serrano, Evelyn Künneke, Hildegard Knef und vieler anderer Diven gesehen.

In meinem kleinen Lädchen hier steht sogar ein Makeup-Tischlein mit Spiegelplatte, gepolstertem Höckerchen und rosafarbenem Vorhang. Hinterließ mir vor Jahren eine alte Dame, eine Adlige. Immer wenn ich es nun anschaue, denke ich mit Freude an sie.

Mir wurden mehrmals kleine Andenken geschenkt, stibitzt habe ich ab und zu mal eine Kleinigkeit. Eva Gabor schenkte mir mal ein kleines graviertes Pillendöschen, und von Eartha Kitt bekam ich nach einem Gastspiel die gesamte Garderobe samt Lämpchen und Perücken. Viele Dinge habe ich aufbewahrt, denn sie erinnern an großartige Momente. An Damen mit Stil, Anekdoten ihrer Schminktricks und wie die jeweils entstanden sind.

Es war ja nicht immer Geld im Haus überall, denn auf einer Durststrecke schlägt die Phantasie ja oft Purzelbäume. Da wurden schon mal mit abgebrannten Steichhölzern unterwegs die Brauen nachgezogen oder mit einem kleinen Ziegelstein improvisiert. Die rote Farbe leicht angekratzt und als Rouge verwendet. Trümmerfrauen wollten ja auch nicht nur in Schutt und Asche dastehen. Frauen sind halt eitel. Jedoch kommt es auch stets darauf an, was einem vorgelebt wird.

Was uns heutzutage in der Werbung um die Ohren gehauen wird, ist leider seelenlos. Alles wird immer aufdringlicher und unerreichbarer. Das möchte man aber auch nicht, wenn sogenannte Schönheit zum Hochleistungsmarathon wird, verliert sie den Zauber. Natürlich kann man viel verändern, aber die Zeit kann man so nicht aufhalten. Das Tempo wird täglich erhöht, das Produkt wird zur Wegwerfware, die Billigkeit wird unbezahlbar. Untragbar und unerträglich.

Nicht die Menge der Produkte macht dich schön, sondern der Gedanke an Deine Schönheit. Die Schönheit der Gedanken, das Entdecken Deiner schönen Seiten, das Warten auf ein ehrliches Kompliment. Das langsame Erwachen Deines eigenen Stils. Wie eine Blüte, die ihren Kelch suchend in die strahlende Sonne hält.

Es gibt keine erreichbaren Vorbilder mehr? Sucht doch einfach mal in einem alten Fotoalbum, betrachtet Eure Vorfahren und nehmt sie unter die Lupe. Es müssen ja nicht unbedingt die eigenen sein. Schnappt euch eine Kiste auf dem Flohmarkt und studiert die vergilbten Bilder fremder Menschen aus anderen Zeiten. Was man dort entdeckt an Haltung und Stil, oft bei ganzen Familien eine Ansammlung von Diven. Alle warteten auf den großen Tag, an dem sie sich größte Mühe gegeben haben, um dem Foto gerecht zu werden. Bilder waren teuer, teure Erinnerungen über Generationen vererbt. Da wurde gepudert, geputzt und sich vorbereitet. Daher wohl der Begriff „Vorbild“.

Und Du wirst überrascht feststellen, das sich in der Regel kein Hinweis auf Labels oder Werbung darauf finden wird. Keine Ablenkung vom Mensch an sich, keine Verrenkungen, ausgestreckte Arme oder Sieger-Zeichen, keine Muster bestimmter Hersteller. Und nichts wird triumphierend in die Kamera gehalten.

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In den Medien sehe ich heute keine Vorbilder mehr, überall benutzt man Programme zum Verändern, das sind Lügen und Verblendungen zugleich. Superfalsche Versprechungen und Ablenkungen vom Wesentlichen, nämlich von Dir selbst. Von Dir, Deinem Wert und Deiner Persönlichkeit. Du wirst lawinenartig zugeschüttet mit Angeboten, bis Du nicht mehr weißt, wo vorne oder hinten ist. Wenn ein Produkt auf den Markt kommt, wird solange Druck erzeugt, bis die Kassen der Hersteller voll sind, dann wird alles für unmodern erklärt und der nächste Trend lauert in allen Preisklassen auf seine verwirrten Opfer. Man hat gar keine Chance, eine eigene Persönlichkeit zu entwickeln, denn die ist augenscheinlich nirgends mehr gefragt. Dafür wird einem keine Zeit mehr gelassen.

Eartha Kitt sagte mal zu mir: „Du brauchst keine Marken tragen, Du bist selbst eine. Suche also bitte niemals nach dem Billigsten, denn sonst zahlt letztendlich Deine Seele die Differenz. Guck nicht, was drauf steht, sondern was und wer drin steckt. Ich bin stolz auf mich, ich bin wertvoll… ich nutze meinen Wert und mein Wissen…. denn ohne mich bin ich aufgeschmissen.“

Den Satz habe ich als Mantra an den Spiegel geklebt. Das hat mich auch nichts gekostet, bringt mich aber täglich nach vorn. Und da bin ich am liebsten.

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