Lade Login-Box.
E-Paper Abo & Service Immo Stellen Trauer
Anzeige Titelbild Mainova Marathon Laufsport - alles rund um den Mainova IRONMAN Frankfurt 2017 Frankfurt am Main 25°C

Frankfurt-Kennerin: Prinzessin vom Main

Von Gute Nacht, Freunde: Begegnungen in Deutschlands gefährlichster Gegend.
Bild-Zoom


Auf dem Weg bin ich mal wieder. Mit offenen Augen, den Ohren und allen Sinnen. Auf der Münchener Straße im Bahnhofsviertel kommt mir ein Pärchen entgegen.

Sie zu ihm: „This is the most dangerous part of Germany.“
Er zu ihr: „Why?“
Sie zu ihm: „I don't know."

Darüber denke ich nach. Denn ich weiß es auch nicht, um ganz ehrlich zu sein. Die Sonne guckt heute mal wieder ein bisschen raus und leuchtet auch freundlich in das eben verunglimpfte Viertel rein.

Neben seinem Latin-Tanz-Tempel Chango steht bestens gelaunt der sechzigjährige Herr Ferdinand. Ich hatte kurz seinen Namen vergessen, aber sein Gesicht: never ever. Das breite freundliche Lächeln, die positive Energie überstrahlt fast den gesamten Schmuck, den er sich heute aufgezäumt hat.

Bild-Zoom

Das letzte Mal sahen wir uns bei Dreharbeiten mit Moritz Bleibtreu, da sah er auch cool aus. Authentisch eben. Davor trafen wir uns mal im Römer, da trug er einen Anzug und hatte die Haare so ordentlich gestriegelt, dass ich ihn nicht erkannt habe. Ich stand neben ihm und siezte ihn und fragte dummes Zeug. So wie: „Ach, Sie sind hier auch eingeladen?“ Vollkommen steif im Nacken und die kalten Fliesen vom Vorraum unter den Füßen. Ja, und jetzt steht er hier in der Münchener im most dangerous place in Germany, und ich finde. Er passt auch dort prima hin. Ein Chamäleon eben.

„Hallo Manu“, ruft er nun, und ich verlangsame meine Schritte. Also von Galopp auf Trab, ohne steigen. In der Hofeinfahrt steht ein hübsches Mädchen hinter seinem Maus-Stand. Ach nein, ein Mais-Stand, Entschuldigung. Aber sie ist so klein wie eine Maus und so entzückend, wie sie da hinter ihrem gut beladenen Gefährt hervorlugt. Die braunen Augen laden mich ebenfalls ein stehenzubleiben. Sie bietet Bio-Mais in Snackform to go. Sie füttert quasi das Bahnhofsviertel gesund, stellen wir fest. Ich darf probieren. Es schmeckt lecker. Aus der Einfahrt, in der sie ihren Stand platziert hat, wird nun flugs eine Ausfahrt. Ein Nachbar will rausfahren, wir rollen kurz nach rechts, geben den Weg frei - und dann wieder zurück. Ein Fahrgeschäft namens „Happy Mais“ kann man ja auch mal woanders hinschieben, denke ich.

„Du kannst bei meiner nächsten Veranstaltung im Lädchen gerne anrollen für meine Gäste“, schlage ich vor und sehe schon meinen Haustransvestiten, die liebe kleine Doris, als Assistentin. Ein Undercover-Maiskolben für die Umsatzsteigerung im kurzen Baströckchen, da könnte sie locker assistieren.

Auf der anderen Straßenseite entdecke ich eine Dame mit einem großen weißen Pudel. Ich wäre am liebsten rüber gerannt zum Streicheln, wenn nicht die Linie 12 vorgefahren wäre. „Das ist ein Königspudel“, stellt Ferdinand fest und schaut ebenfalls interessiert hinüber. Die „12" fährt weiter, der Königspudel steht noch. Er wohnt hier, sein Frauchen schließt gerade die Eingangstür auf und geht hinein.
Ich werde nun die Augen immer aufhalten, denn ich möchte ihn unbedingt irgendwann mal streicheln. Darauf freue ich mich schon.

The most dangerous place in Germany hat immer was in petto. Einige Meter weiter entdecke ich vor dem türkischen Alim-Supermarkt eine weitere neue Attraktion. An einem Bollerofen sind rundum höchst dekorativ die stacheligen Hüllen von Maronen dekoriert. Hier werden Esskastanien gebrutzelt, da nehme ich gleich eine Tüte mit. Die Temperaturen sind immer perfekt… ich bin ja bekannt dafür, dass ich mir das ganze Jahr die Finger an irgendwas verbrenne.

Auf dem Weg in die City bringe ich noch schnell den roten Regenschirm in die Mey-Bar zurück. Der Chef kennt den Schirm nicht, er will ihn nicht. „Doch, das ist eurer“, beteure ich. Und der Chef nimmt ihn wortlos und achselzuckend mit hinter die Theke. Ich bin mir hundertprozentig sicher, dass ich ihn mir hier nach einsetzendem Platzregen vor ein paar Wochen ausgeliehen hatte. Das Haus verliert nichts, so lautet mein Motto. Ich gehe raus, renne fast in ein Fahrrad. Bevor ich ein passendes Schimpfwort brüllen kann, ist der Typ schon abgestiegen und umarmt mich: „Hallo Manu.“

Gut, dass ich die Ruhe bewahrt habe in the most dangerous place in Germany. Ich werde am Arm geschnappt und ins Maxie Eisen geschleppt, natürlich wehre ich mich nicht, denn ich werde zum Essen eingeladen. So ganz unverhofft. Der und ich, wir haben uns lange nicht gesehen. Der ist auch so unterhaltsam, dass wir die Zeit geistig vollkommen abhaken und nach dem Essen wieder direkt in der Mey-Bar landen.

„Na, brauchst du den Schirm wieder?“, fragt der Wirt leicht ironisch. Nein, ich brauche eher Wein. Die Bar füllt sich, und kurz vor Mitternacht sitzen noch vier Leute mehr an unserem Tisch. Eigentlich wollte ich ja in die Stadt gehen, vor sechs Stunden. Aber hängen geblieben bin ich im Bahnhofsviertel, dem most dangerous place in Germany. Auf dem endgültigen Heimweg treffe ich noch einen Friseur, eine Mitarbeiterin vom Tedi, eine Bardame, einen Typen vom HR... Mir fällt auch gerade auf, dass ich schon monatelang die „Mama“, unsere Rosenfrau, nicht mehr gesehen habe. Ich muss mal rumfragen, ob jemand etwas weiß. Ich sehe dann noch den Wolfgang vom Limousinen-Service, einen seiner Fahrer darf ich „Apfelsine“ nennen,  weil ich seinen Namen immer vergesse. Dann kommt mir noch Engin entgegen, der eine Freundin hat, deren Papagei jeden mit: „Du Arsch“, begrüßt.

In Frankfurt am Bahnhof, jetzt sag doch mal ehrlich,
ist es da wirklich so furchtbar gefährlich?
Papagei sagt: „Du Arsch!“
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 

Zur Startseite Mehr aus Manuela Mock - Prinzessin vom Main

BITTE BEACHTEN SIE: Unser Angebot dient lediglich Ihrer persönlichen Information. Kopieren und/oder Weitergabe sind nicht gestattet. Hier finden Sie Informationen zur Verwendung von Artikeln. Quellen: Mit Material von dpa, afp, kna, AP, SID und Reuters

Archiv ThemenMediadatenKontaktImpressumDatenschutzRSS

© 2017 Frankfurter Neue Presse