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Frankfurt-Kennerin: Prinzessin vom Main

Von Sex, Stil und Schmetterlinge: Frühlingsball-Geflüster im Palmengarten.
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Es regnet Bindfäden. Nach unzähligen langen dunklen Tagen gesellt sich nun auch im endlosen Grau der Regen hinzu. Nun gut, ich nehme Anlauf und verlasse recht widerwillig meine Couch. Im Briefkasten liegt heute ein Stimmungsaufheller, den ich sehr sehr gut brauchen kann. Eine Einladung für zwei Personen für den Frühlingsball im Gesellschaftshaus des Palmengarten.

Als Kind war ich mit der Schulklasse und meiner absoluten Lieblingslehrerin schon dort und habe Ableger mitgehen lassen. Die gingen leider auf meiner Fensterbank mangels Klima immer ein. Ich blieb dann bodenständig bei Buntnesseln. Die konnte ich mir leisten, und die waren auch zufrieden mit dem, was ich ihnen bieten konnte. Wasser, Wärme und einen geilen Blumentopf (selbstgemalt und handgetöpfert im Unterricht).

Also diesen Frühlingsball könnte ich mir auch nicht wirklich leisten, aber meine Lieblings-Drag-Queen Jessica Walker und ihre brasilianische hochbeinige milchundhonigundmehr-kaffeebraune schöne Kollegin Kelly Heelton treten im Programm für die spendablen Gäste auf. Es ist ja eine Benefiz-Veranstaltung, der Palmengarten braucht Unterstützung. Und Jessica unterstützt mich, sie schenkt mir zwei Karten.

Ich freue mich und zerre aus meinem Kleiderschrank ein frühlingshaftes schwarzes Kleid mit goldenen Pailletten. Beim Angeln nach dem passenden Schuhwerk fällt mir ein mieser Karton aus Cannes mit Pumps auf den Kopf, und ich habe ein Loch in der Frisur. Zur Strafe müssen sie zuhause bleiben, denn ich entscheide mich für schlichtere Schuhe mit mehr Grip. Mit denen bin ich letztes Jahr zwar schon auf einer Gala in Berlin auf der Tanzfläche umgefallen, aber sie haben mich zumindest nicht angegriffen.

So, schnell den zerdepperten Haarturm wieder festsprühen, denn gleich holt mich mein Begleiter Ronny mit der Taxe ab. Das Handy klingelt, mir wird mitgeteilt, ich solle mich an der Haustür aufstellen. Auf dem Weg nach unten klammere ich mich am Geländer fest, denn High Heels sind tückisch. Und ein falscher Schritt freihändig aus falscher Eitelkeit kann in den Gips führen. Das kann ich mir nicht erlauben bei meinem Krankenkassentarif und dem abartig kostspieligen Selbstbehalt. Das predige ich meinen Kunden auch stets, die sich hier als Herren mit hohen Hacken in ihrer Weiblichkeit ausprobieren und perfektionieren wollen. Übung macht die Meisterin.

Wir rollen ans Tor, es leuchtet und strahlt alles blauviolett, der nette Taxifahrer hat zwar einige Probleme mit der elektronischen Zahlung, aber dann klappt es doch nicht, und wir sehen: Nur Bares ist Wahres. In genau dem Moment, wo mir die Wagentür geöffnet wird, beginnt es zu regnen. Der Weg zum Eingang ist ca 200 Meter entfernt. Wir haben Flanierkarten der Kategorie „Veilchen", und um dem Regen zu entkommen, wünschte ich mir eine Karte in der Kategorie „Tausendfüssler“. Schnellstens zum Eingang, der rote Teppich ist vollgesogen mit Wasser und quietscht lustig beim Laufen. Geräusche wie beim Pömpeln. „Schau mal, da steht eine Schlange“, keuche ich erschöpft, und Ronny sagt: „Das ist ja ein Ding!“

Um nicht im Regen stehen zu müssen, drücke ich mich sofort in die wartende Menge wie die Reisenden der Tokioter U-Bahn, doch die Türen hier öffnen sich trotz Regens nicht vor 22 Uhr. Einige nörgeln und ziehen lange Gesichter. Hinter mir sagt ein Herr: „ Ich freue mich schon auf den LEA-Award, da geht es ja professionell zu und nicht wie hier bei den Dilettanten.“ Das fand ich schon ein bisschen hart, aber ich nehme Situationen meist mit Humor.

Ich bin dankbar für alles, was ich erleben darf, kann oder muss. Die Damen am Einlass mühen sich die eifrig entgegengestreckten Karten zu lochen. Mit einem kleinen Schmetterling. Die Damen sind hübsch und lächeln und begrüßen uns freundlich. Gleich am Eingang treffe ich Freunde aus guten alten Zeiten, die immer eifrig am Werk sind. Überall schwirren sie herum, überall machen sie ihr Ding. Und sie machen es gut. „Taschenkontrolle, machen Sie bitte Ihre Tasche auf.“ Vor der Garderobe befindet sich ein weiterer Kontrollposten, der sicherstellt, dass nichts in den Saal gerät außer Sexbomben, denen das halbe Kleid beim Laufen vom gebräunten Luxuskörper rutscht. Werbung in eigener Sache. Kann nix schaden. Einer Künstlerin hatte man am Eingang das Haarspray weggenommen, wie sie mir glaubhaft versicherte. Aber mir wurde im Laufe des Abends auch versichert von einer prominenten Lady, dass sie noch nie einen „One-night-Stand“ hatte und dass sie einen Kerl nach der Bumserei direkt rauswirft. Nun beides kann man glauben oder auch nicht.

Frauen erzählen mir oft ihre Sex-Geschichten und Date-Pannen, vielleicht sehe ich so geöffnet aus und vertrauenswürdig. Ich nehme ja auch keinem was weg, das ist viel zu anstrengend. Ich habe ja was ganz Extravagantes und bin damit vollauf zufrieden.

Im Palmengarten beginnt es mir immer mehr Spaß zu machen, ich sehe alte und neue Bekannte. In den diversen Beleuchtungs-Szenarien erkenne ich viele Menschen nicht auf Anhieb. Einige haben sich so verändert, dass ich sie nur an der Stimme erkenne oder auf Hinweise warte, die gemeinsam Erlebtes wiedergeben. Bei den Jungs sind oft die Bärte wegweisend, die sie als Hipster ausweisen. Bei den Damen verändert sich meist das Gesicht, das Gewicht oder der Wicht. Also will sagen, sie haben einen neuen Partner, der ihren Look beeinflusst. (Spaß) Ich mag Männer und mache keine Witze über sie. (Auch Spaß) Mir wird ständig auf die Schulter getippt, ich rutsche fast in einer Senf-Pfütze vor dem Würstchenstand aus und klammere mich am Tisch fest. Der Senf, er nennt sich Frankfurter Senf , schmeckte übrigens vorzüglich. Außerdem gab es Wraps vegetarisch oder mit Huhn. Der Käse zog sich vom Mund bis zum Knie, wenn man es drauf ankommen ließ. Eine leckere Geschichte, und dazu trank ich O-saft. Im Saal wurde Menue gereicht, kreiert vom Sterne-Restaurant Les Fleur. Jetzt weiß ich, wo ich als nächstes Essen werde. Also im nächsten Leben. Nein, mal ehrlich: Ich war dort schon mal, und ich würde sofort wieder hingehen. Muss aber noch darauf sparen oder mich wieder einladen lassen.

Wir durften am Künstlertisch Platz nehmen, und es war hot. Also die Temperaturen stiegen von Minute zu Minute, die Tanzbeine wurden geschwungen, und ein junger Mann mit blonder Perücke stolperte durch die Menge. Wahrscheinlich ein Unternehmensberater oder Juniorpartner einer Großkanzlei. Ein Flaniergast nahm sich vom Tisch einfach den Nachtisch der Gäste, die gerade Tanzen waren und ergriff mit seiner Beute die Flucht. Ich musste lachen und daran denken, dass ich mal beim Teatime im Schloßhotel Kronberg mit meiner Freundin Mary auch die verschmähten leckeren Cones vom Nachbartisch gemopst habe. Oder im Dean&David auf der Kaiserstraße bestellte ich mal einen schönen Salat mit Garnelen und Avocado; als ich reinging, um ihn zu holen, sah ich noch durch das Fenster, wie eine Frau mit Rucksack mein Wasser vom Tisch nahm, austrank und dann zügig weiterging.

Nun sitzen wir hier, es wird geselfiet und getrunken .Am Nachbartisch fällt ein Glas um, es ist recht eng hier, und eine Dame mit Riesenballkleid plus Schleppe und Blumenkrone im Haar rempelt mich aus dem Weg. Sie schreitet nicht, sie bulldozt sich zum Ausgang. Ich reibe mir die Augen, doch ich bin froh, dass ich noch stehe.

Mein Kumpel Lars, hyperaktiv mit der Champus-Flöte unterwegs, ein Roter-Teppich-Experte von Wien bis Hollywood über Aachen bis zum Heimatfest, hat sich inzwischen zwei Tulpen auf dem Kopf festgebunden, attackiert mich mit flotten Sprüchen, zerrt an meinem Kleid und möchte mich mit Würstchen füttern. Das ist fürsorglich, doch nicht nötig. „Bist du auf Diät, Omma?“, brüllt er, und sein Freund steht augenrollend nebendran und hat ebenfalls was mit Tulpen. Aber das ist eine Biertulpe, damit er das alles ertragen kann. Wir lachen uns kaputt.

Ich liebe es ja, wenn Leute sich ausleben und auch mal Konventionen brechen. Das tue ich ja auch gerne. Die Verrückten sind die Normalen. Es sind viele wunderhübsche Ladies erschienen, Gali Bremer, die erfolgreiche Frankfurter Modebloggerin, in einem tollen Ballkleid, und auch Herrn Feldmann sehe ich, der aber als Mann gekleidet ist. Ich habe ihn ja schon zweimal eingeladen, zur langen Bahnhofsviertelnacht in mein Lädchen „Transnormal“ zum Styling zu kommen. Aber leider…nun denn, aller gute Dinge sind ja bekanntlich drei.

„Ich nehme noch einen Orangensaft“, flöte ich dem Barmann zu, und er nickt .Ronny bestellt ein Bier und wird böse angeguckt. Ständig erinnert sich irgendjemand an meine Mitwirkungen bei den privaten Fernsehformaten, als Shopping Queen oder Perfekte-Dinner-Gastgeberin. Aber eines finde ich gut, ich merke, es hat den Leuten gefallen, es war lustig und unterhaltsam.

Nur wundert es mich, dass ich so lange in Erinnerung bleibe. Es gibt doch Tausende von Sendungen und ständig wechselnde Gesichter der Laiendarsteller oder Protagonisten. Vielleicht werde ich doch bald mal Komikerin oder Reality-TV-Darstellerin. Den Arsch von der Kardashian habe ich ja schon, wenn man meinem schwulen Onkel Olaf Glauben schenken darf.

So, jetzt gehen wir aber nach Hause. An der Garderobe rufe ich fröhlich der hübschen Hostess zu: „Bitte geben Sie der einzigen nüchternen Frau des Abends doch ihren Mantel zurück.“ Da dreht sich nebendran eine Dame um und sagt: „Stimmt nicht, ich bin auch ohne Alkohol durch den Abend, das geht doch gut.“ Dann überreicht sie mir ihre Visitenkarte und verrät mir in ihrer Eigenschaft als Mode-Designerin: „Ihnen würden Trompetenärmel auch ganz gut stehen.“

Mit dieser Information verlasse ich den Ball mit Pauken und Trompeten und gucke mir ihre Kleider nachher mal im Internet an, wenn ich hier fertig getippt habe. Bin gespannt. Die Prinzessin mag ja auch Mode, aber schwarz muss sie sein.

Und nun wieder ein Küsschen für Frankfurt, seine Bewohner und seine bunte Vielfalt. Im Laufe des Abends konnte ich beobachten, wie Bernd Reisig seinem Lebenspartner ein liebevolles Küsschen auf die Lippen drückte, sie standen dabei direkt neben dem Bürgermeister. So muss es sein… wir sind alle Schmetterlinge, und das Leben ist unser Frühlingsball, da fängt uns keiner mit dem Netz ein und verbietet uns die Freiheit.

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