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Frankfurt-Kennerin: Prinzessin vom Main

Von Jeder Sekunde ist kostbar, denn jede Sekunde kann auch zum Verhängnis werden. An einem Tag mit Erika Pluhar ging's gerade noch gut.

Von wegen alt

Vor ein paar Tagen ist die Prinzessin ins Auto gestiegen, hat dezent aufs Gas getreten und ist losgebraust. Nach Heidelberg in eine Altenresidenz. Sonne begleitete meinen Weg, und als ich dem schönen Heidelberg näher kam, stand sie wie ein goldener Ball am Himmel. Das sind Momente, da kann man dankbar sein, dass man sehen kann und alle Sinne funktionieren. Auch die anderen körperlichen Gerätschaften sind in Topform . Alles hat sprichwörtlich Hand und Fuß.

Als so selbstverständlich sollte man all das nicht nehmen. Prompt verfahre ich mich, das Navi ist so wie ich momentan ohne Orientierung, und ich muss Leute fragen, wo es lang geht. Irgendwie habe ich ein Schild übersehen oder bin falsch abgebogen.

Eine gemischte Truppe kommt mir entgegen, zwei Männer schauen mich düster an, und die zwei Frauen starren. Eine rüstige Dame schüttelt mit dem Kopf, und ein alter Herr zeigt mir einen Vogel. Also alle Signale stehen auf: „Bloß nicht ansprechen!“ Ich bin wahrscheinlich auf geweihtem Boden gelandet oder in einem Gebiet, wo Autos unerwünscht sind. Ich grüble nicht lange, drücke das Gaspedal durch und schleiche mich angemessen meines verlorenen Weges.

Ein betörender Kuchenduft weist mir schließlich den Weg. Ich parke ein, der Stellplatz 44 zwinkert mir verschwörerisch zu. Handbremse anziehen, schnell noch eine Ladung Haarspray drauf gegen den bösen Ostwind, und dann kann es losgehen.

Bild-Zoom

Meine liebe Freundin Erika Pluhar hat heute in der Residenz eine Lesung. Ihr neues Buch „Gegenüber“ wird dem Publikum auf einer Lesereise vorgestellt. Ich treffe sie auch gleich an der Rezeption, wo wir uns herzlich begrüßen. Lange haben wir uns nicht gesehen, und es gibt was zu plaudern. In der Cafeteria breche ich vor Begeisterung fast zusammen, der angebotene Kuchen ist das wohl Leckerste, was ich seit Monaten gesehen habe, außer meinem sexy Rockstar Boy-Friend versteht sich. Erdbeersahnetorte mit weißer Schokolade verziert und ein stilles Wasser fürs gute Gewissen.

Nach der Vorstellung, zu der sich sehr viele Bewohner eingefunden haben im hauseigenen Theater, treffen wir uns zum Sektempfang. Ich staune über die vielen alten Damen, die sich schick gemacht haben, auch die Herren mit Einstecktüchlein und eleganten Sakkos schreiten würdevoll, teils mit Gehstöcken, des Weges.

Auf einmal geht ein jüngerer Herr ruckartig schnell nach hinten, ohne sich umzusehen, und rammt dabei eine uralte Dame mit Stock und Sektglas in der Hand. Einige entsetzte Schrei später klirrt es, und die Frau liegt hilflos am Boden. Das Glas zerschmettert, der Stock flog einen halben Meter. Ich habe mir die Augen zugehalten, es tat mir so leid, dass mir blitzschnell die Tränen in selbige stiegen. Da schon sofort einige Helfer zu ihr eilten und sie wieder auf die Beine stellten, war ich halbwegs beruhigt. Ehrlich gesagt, es hat so einen Schlag getan, ich dachte, die Frau ist auf der Stelle tot. Doch tatsächlich, sie schaute ein wenig verwirrt in meine Richtung und fragte dann: „Wo ist denn mein Stock, es ist alles in Ordnung, keine Sorge.“ Mir fiel ein tonnenschwerer Stein vom Herzen, und ich fragte sie: „Auf den Schreck dann doch noch einen neuen Sekt?“ Dies ist glimpflich ausgegangen. Ich war so froh.

Manchmal braucht es nur einen Bruchteil einer Sekunde, um ein Leben zu verändern, die meisten Menschen denken nicht darüber nach. Sie nehmen alles als zu selbstverständlich und oft keine Rücksicht mehr aufeinander. Das verdanken wir den vielen Reizüberflutungen. Immer auf dem Sprung, immer in Eile und die Angst, nie genug zu haben und zu sein. Doch wir haben nur ein Leben. Ich gehe sorgsam damit um. Mein Rat: Jeden Tag eine Prise Mitgefühl, eine Portion Demut und obendrein ein Quentchen Glück. Das ist eine gute Mischung, die langt zum Leben und zum Sterben. Ob jung oder alt, in uns allen schlägt letztendlich das gleiche Herz.

Erikas neues Buch „Gegenüber“ handelt von einer solchen Begegnung zwischen jung und alt. Eine schöne Lektüre, die den Geist öffnet und eine Brücke schlägt von Herz zu Herz. Danke Erika, dass Du solch eine schöne Begegnung in Deine Worte gefasst hast. Mit deinen 78 Jahren, die an dir scheinbar fast spurlos vorüberzogen, hast du ja viele Gegenüber erlebt. Ich bin sehr froh, dass Du in mein Leben kamst. Ich hätte viele schöne Dinge ohne Dich so nicht erlebt und auch die Menschen dort nicht getroffen. In Lissabon, wo Du mich eingeladen hast zu Deinem 70. Geburtstag, wo wir es drei unvergessliche Tage krachen ließen.

Bis bald zum Heurigen in Wien. Da werde ich in Grinzing wahrscheinlich als erste zu Boden gehen. Das alte Spiel, die Prinzessin tankt zu viel.

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