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Maßschneider: Stilblüten

Von Nicht nur der Fall Hoeneß hat gezeigt: Im sozialen Netz verlieren viele die Haltung. Fatal ist, dass sich das auch aufs wahre Leben überträgt.

 
Das Urteil ist gesprochen, eine erste Schlagzeile geistert durch die Ticker der Nachrichtensender, die ersten Kommentare schwirren durch das Netz. Es beginnt die Zeit der vermeintlich Rechtsexperten und Moralapostel. ähnlich wie bei einem Fußballspiel überschlagen sich die Meinungen. Diese prallen mit den Meinungen der Anderen aufeinander, und schneller, als man es für möglich gehalten hat, befindet man sich in einem Wirrwarr aus Beschimpfungen und Halbwahrheiten. Oftmals mehr halb als wahr...

So geschieht es häufig, wenn prominente Menschen vor Gericht stehen und verurteilt werden.
 
Stil sind die nach außen sichtbaren Elemente einer Persönlichkeit. Die Kommunikation gehört zweifelsfrei zu einem guten Stil dazu. In den Zeiten anonymer Netze rasen jedoch recht viele Verkehrsteilnehmer ohne jedes geistige Limit über die Datenautobahnen der sozialen Netze, um ihre Meinung kund zu tun.

Das ist auf der einen Seite ihr gutes Recht. Jeder Mensch darf seine Meinung frei äußern. Eine freie Meinungsbildung ist das Kapital einer funktionierenden Demokratie. Leider verschwimmen in vielen Fällen die eigene „Meinung“ mit handfesten Bösartigkeiten, die stillos und vulgär sind.

Ein gutes Beispiel war der Steuerprozess um Uli Hoeneß. In der deutschen Justizgeschichte musste wohl kaum ein Angeklagter derart viel Spott und Häme über sich ergehen lassen wie der ehemalige Präsident des FC Bayern.
In den sozialen Netzwerken überschlugen sich die Meinungen. Man hatte den Eindruck, ganz Deutschland besteht aus Justiz- & Steuerexperten sowie moralisch gefestigten Menschen, die dem Staat in ihrem ganzen Leben noch nie einen Cent Steuern vorenthalten haben.

„Wer ohne Schuld ist, der werfe den ersten Stein“, mochte ich oftmals denken.
 
Die fachlich meistens haltlosen Analysen auf der einen Seite kann man noch gut überlesen. Die Häme, der Spott und die derben Beleidigungen, die prominente Sünder über sich ergehen lassen müssen, sind eher schwer zu verdauen.
Nicht weil man selber betroffen wäre, sondern weil sie ein Spiegel der Gesellschaft sind.
 
Wenn Sie jetzt der Ansicht sind, mit „denen“ müsse man kein Mitleid haben, dann haben sie wenigsten welches mit sich selber. Der derbe Umgangston beschränkt sich ja nicht nur auf prominente Sünder, sondern hat sich auf viele Bereiche unserer digitalen Welt ausgedehnt. Das ist schlimm genug.

Noch schlimmer: Einige nehmen diesen Umgangston von der virtuellen in die reale Welt mit. Und Ruckzuck landet der derbe Umgangston aus dem sozialen Netzwerk im Straßenverkehr oder Kinderzimmer. Das sollten wir überdenken. Stil ist, nur das zu schreiben, was ich einem Menschen auch ins Gesicht sagen würde.
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 

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