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Maßschneider: Stilblüten

Von Staub, Schweiß und Tränen: Günstige Kleidung hat einen hohen Preis. Wer es sich leisten kann, sollte andere nicht bezahlen lassen.

Guter Stil, so habe ich es schon des Öfteren in dieser Kolumne formuliert, beschränkt sich nicht nur auf Kleidung oder sonstige Äußerlichkeiten. Auch das soziale Verhalten stellt einen großen Teil des eigenen Stils dar. Wie werde ich wahrgenommen und inwieweit bin ich dazu bereit, Rücksicht auf andere Menschen zu nehmen und mich wie ein Mensch von Welt zu verhalten?

Unser Einkaufsverhalten ist auch ein Teil des eigenen Stils. Welche Produkte kaufe ich, welche lehne ich ab? Wie viel bin ich bereit zu investieren und bis zu welchem Punkt möchte ich nachhaltige Produkte erwerben und inländische Produktionen unterstützen?

Das soziale Gewissen erleichtert man nicht nur dadurch, dass im Bistro um die Ecke ein Mineralwasser aus „heimischer Abfüllung“ bestellt wird, um die CO2-Bilanz zu entlasten, wenn der Rest des Haushalts von I-Phone bis Ikea-Schrank aus chinesischer Billigproduktion unter fragwürdigen Arbeitsbedingungen stammt. Das ist wenig glaubwürdig. Ein schlechtes Gewissen alleine hilft da wenig.

Engagement beginnt dort, wo es auch mit „geben“ zu tun hat. Kleidung aus heimischer Produktion, die es ohnehin nur noch selten gibt, hat ihren Preis. Sie ist teurer als künstliche Markenwelten, deren Glanz nur noch durch aufwendige Kampagnen am Strahlen gehalten wird. Hinter dem begehrten Markenlogo verbergen sich oftmals wenig glanzvolle Produktionsstätten, die geschickt verborgen gehalten werden. Schließlich will man die heile Markenwelt nicht mit Staub, Schweiß und eventuell sogar Tränen beschmutzen.

Es mag sein, dass tatsächlich nicht mehr jedes Produkt inländisch gefertigt werden kann. Vielleicht ist das einfach ein Zeichen der Zeit. Selbst auf Londons Schneidermeile Savile Row fertigen viele honorige Namen nur noch pro forma im Königreich. Tatsächlich schippern gerade tausende „englische Maßanzüge“ von Fernost in Richtung Amsterdam. Who cares? Die Hauptsache, der Preis stimmt.

Es kann sicher nicht erwartet werden, dass Menschen mit einem durchschnittlichen Einkommen ihren Bedarf ausschließlich mit hochpreisigen inländischen Premiumprodukten decken, deren Produktionsweg glasklar dokumentiert wird. Trotzdem sollte man ab und an ein wenig darauf achten, woher Kleidung kommt. Abseits von Primark & Co. gibt es durchaus nachhaltige Marken, die moralisch einwandfrei sind und deren Fertigung nicht vollständig auf dem Rücken der Schwächsten ausgeführt wird. Das sollten wir uns alle leisten!

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