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Stil-Blüten

Von Heute im Männermode-Blog: Statussymbole zeugen nicht unbedingt von Klasse.
Produkte der Edelmarke Louis Vuitton sind am LV-Monogramm zu erkennen. (Foto: dpa) Produkte der Edelmarke Louis Vuitton sind am LV-Monogramm zu erkennen. (Foto: dpa)
Es gibt eine Droge, die weitaus abhängiger macht, als die bekannten harten Freudenspender: Aufmerksamkeit und Zuneigung. Kurz gesagt: Status. Wer sieht seinen Namen nicht gerne an prominenten Stellen? Wer genießt nicht auch bewundernden Blicke und anerkennende Kommentare? Die wenigsten Menschen können sich diesen Mechanismen entziehen.
 
In einer Zeit der geistigen und stilistischen Uniformität glauben viele Menschen, diese Anerkennung und Bewunderung über Statussymbole erhaschen zu können. Die braune Kunststofftasche mit dem verräterischen „LV“-Logo oder der bewusst prominent platzierte Autoschlüssel mit dem blitzenden Stern. Zu gerne erliegen wir dem verführerischen Reiz dieser oberflächligen Symbolik

Ebenso wenig zielführend sind die vergoldeten Plastik-Karten, die dem Besitzer (und meistens nicht nur ihm, sondern tausenden Anderen auch) eine besondere Form der Wertschätzung und Bevorzugung suggerieren sollen. „VIP“ nennt man das neudeutsch. Fast jeder mittelmäßige Textilhändler versucht heute, seinen Kunden mit solchen verzweifelten Marketinggags den gewissen Status zu verleihen, da seine Produkte dafür scheinbar nicht ausreichen.
 
Für Menschen, die über die entsprechenden Mittel, aber nicht den passenden Status, verfügen, ist es einfacher, Aufmerksamkeit zu erreichen. Auch diese Form der Publizität ist jedoch meistens eher profan und hat wenig mit Status gemein. Bestes Beispiel ist der adoptierte „Prinz“ Marcus von Anhalt aus Pforzheim, der seine teuren Boliden von Ferrari bis Bentley wie Ehrenbanner durch die Unterschichten-Formate der privaten Sender schwenkt. Dabei erntet er meistens Spott und selten sogar ein wenig Bewunderung. Letzteres jedoch vornehmlich von jenen, die ihr langweiliges Tagewerk beispielsweise an der Kasse eines Supermarktes verrichten und insgeheim davon träumen, aus der alltäglichen Tristes ihrer Existenz ausbrechen zu können.
 
Statussymbole sind politisch nicht korrekt. Denn sie sind soziale Rangabzeichen. Sie sollen ganz bewusst Ungleichheit demonstrieren. Das wiederspricht eigentlich dem politischen Konsens unserer nach Gleichheit strebenden Gesellschaft, die sich in fast jeder Talkshow genüsslich darüber echauffieren kann, dass der erfolgreiche Unternehmer nicht im ebenso jämmerlichen Kleinwagen über die Autobahn schleicht wie sein Azubi im ersten Lehrjahr. Was nutzen alle Gleichstellungsbeauftragten und Antidiskriminierungsgesetze der Republik, wenn Logos über den Einlass an der Tür entscheiden?
 
Eines vergessen die ahnungslosen Träger solcher Symbole meistens: Produkte, die mit millionenschweren Kampagnen beworben werden und an fast jeder Ecke zu kaufen sind, haben kaum noch etwas mit Individualität oder Status gemein. In der Regel sind es Massenprodukte für einen Massenmarkt, die das Signal von Belanglosigkeit ausstrahlen. Und genau diesen Status kauft man gleich mit.

Es ist eine Meisterleistung der modernen Kommunikation, solche Gegenstände als „Luxus“ zu verkaufen. Verstanden wird dies freilich nur von jenen, die sich nicht in den langen Schlangen vor dem Einlass anstellen müssen und die in ihrem Golfclub auch ohne VIP-Kärtchen mit Namen angesprochen werden.
 
Menschen, die Statussymbole richtig deuten, sind vor allem eines: Sie sind leise. Deshalb ist die Entzückung bei vielen Zeitgenossen groß, wenn sie einen unscheinbaren Menschen als vermögend enttarnt haben. „Das Geld merkt man dem gar nicht an“, lautet das erstaunte Urteil meistens. Warum sollte man auch? In den Kreisen der leisen, erfolgreichen Menschen werden die wahren Statussymbole ohne großen Worte und Gesten genutzt. Das Auto, die Reise, die Uhr oder der Anzug können noch so teuer erworben sein. Sie dienen schließlich nicht der theatralischen Darstellungen. Sie dienen dem Genuss; und der wird einer hektischen und limitierten Welt durch Zeit und Raum definiert.

Wer sie besitzen darf ist dabei. Wer sie besitzt, aber falsch einsetzt, ist schnell wieder draußen. Diese Diplomatie beherrscht man - oder eben nicht. Die Großen dieser Welt beherrschen sie. Oder können Sie sich Helmut Schmidt mit einer Louis Vuitton-Tasche vorstellen?
 
Erklärt wird diese Symbolik  übrigens nicht von irgendwelchen Männermagazinen, die alle Jahre wieder x-beliebige Parvenüs zu den „Gentleman des Jahres“ küren und sich die scheinbar inflationären Stiltipps für das nächste Jahr von den PR-Damen auf  inszinierten Events einhauchen lassen.
 
In den letzten Jahren hat ein Umdenken eingesetzt. Die Generation, die mit Afri Cola und YPS groß geworden ist besinnt sich auf traditionelle Werte. Logos und Marken werden ad acta gelegt. De facto werden sie begraben. Sie dienen nur noch den „Status Seekern“ zur Darstellung. Das altmodische Wort „Nachhaltigkeit“ erlebt einen Relaunch. Der Kunde möchte über seine Produkte informiert sein und sie nach Möglichkeit mitgestalten. Die kostspieligen Marketingbemühungen der globalen Brands laufen ins Leere.
 
Da wundert es kaum, dass sich die Zunft der Maßschneider seit einigen Jahren wieder über gut gefüllte Auftragsbücher freuen kann. Die oftmals jungen Kunden möchten wissen, wo und wie ihr textiles Kunstwerk entsteht. Der Gang zum Herrenausstatter gleicht einem Gottesdienst. Sie möchten dem Meister über die Schulter schauen und haben oft mehr Fachwissen als die meisten Textilverkäufer großer Kaufhäuser. Sie wissen, dass ein Herr den Button Down-Kragen nicht im Geschäftsleben trägt und können das handgefertigte vom maschinellem Knopfloch unterscheiden. Diese List könnte man beliebig fortführen. Kurzum: Sie wissen worauf es ankommt.
 
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