Lade Login-Box.
E-Paper
Abo & Service Immo Stellen Trauer

Stil-Blüten

Von Heute neu: Der Dandy von heute ist ein moderner Gentleman.
Humphrey Bogart als Richard 'Rick' Blaine und Ingrid Bergman als Ilsa Lund Laszlo im Filmklassiker "Casablanca". So wie Bogart damals ist der moderne Dandy heute auf korrekte Kleidung und niveauvolles Auftreten bedacht, meint unser Männermode-Experte Stephan Görner.  (Foto: dpa) Humphrey Bogart als Richard 'Rick' Blaine und Ingrid Bergman als Ilsa Lund Laszlo im Filmklassiker "Casablanca". So wie Bogart damals ist der moderne Dandy heute auf korrekte Kleidung und niveauvolles Auftreten bedacht, meint unser Männermode-Experte Stephan Görner. (Foto: dpa)
"Ein Mann sollte sich nicht nur mit edlen Tüchern, sondern vor allem mit Würde kleiden."
 
Dieser Satz klingt auf der einen Seite seltsam nostalgisch, trifft auf der anderen Seite jedoch das Lebensgefühl vieler moderner Männer. Ein Widerspruch? Nicht unbedingt. Viele Einflüsse in Mode und Lebensstil wiederholen sich und kommen in Variationen erneut  zum Vorschein, ohne, dass immer gleich erkennbar sein muss, woher diese Strömungen kommen. So ergeht es auch dem Typus "Dandy", der zur Zeit eine erstaunliche Renaissance erlebt.
 
Der Ursprung des Dandys liegt im 18. Jahrhundert. Damals war das Dandytum ein englischer Aufstand gegen die Einflüsse der französischen Hofkultur, der seinen Ausdruck in der Schneiderei fand. Aus diesen Einflüssen entstand der moderne Herrenanzug, so wie wir ihn noch heute tragen.

Von der damaligen Upper-Class - dem Adel - als "Snob" beschimpft (Snob ist eine Kurzform des lateinischen "sine nobilitate", was nichts anderes bedeutet als "ohne Adel"), war der Dandy tatsächlich eine Erscheinung des immer selbstbewusster auftretenden Bürgertums, das die Lebensgewohnheiten des Adels übernahm, ohne dessen (finanzielle und gesellschaftliche) Stellung zu besitzen oder dessen Einstellungen teilen zu können oder wollen.

Er brauchte drei Frisöre
 
Als der „erste Dandy“ gilt Beau Brummell, der das Dandytum exzentrisch lebte und damit zur Legende wurde. Er soll drei Frisöre benötigt haben - für die Seiten, die Stirn und den Hinterkopf. Er wechselte mehrmals täglich die Wäsche und verachtete Parfüm und Schmuck. Letztlich endete Beau Brummel verarmt und verfolgt in einem französischen Irrenhaus. Dieses tragische Ende des ersten Dandys soll jedoch kein Argument gegen die stilvolle Exzentrik sein. Ganz im Gegenteil.
 
Heute ist der klassische Dandy ausgestorben. Vor allem die mit dem historischen Dandytum verbundene Ablehnung und Verachtung bürgerlicher Werte, die sich quasi als Muss bei einen Dandy in demonstrativem Müßiggang und dem Desinteresse an bürgerlicher Erwerbstätigkeit äußerten, stießen in der Leistungsgesellschaft seit dem 20. Jahrhundert allerseits auf Ablehnung. Der Dandy von damals hat nichts Attraktives mehr, er würde heute als "Loser" und "Pseudo" eher verlacht werden.
 
Zudem fiele es dem Dandy alter Schule in Zeiten von Lady Gaga und Marilyn Manson schwer, durch seinen Kleidungsstil oder seine Lebensweise aufzufallen. Was können wir nach einem halben Jahrhundert moderner Popkultur von ABBA bis Zappa, abgestumpft von Punk bis Porno überhaupt noch als "exzentrisch" wahrnehmen? Provokation ist heute Teil der Mainstreamkultur, viele Fachleute der Subkulturen meinen sogar, dass das bewusst Schockierende längst ein künstlerisches Zeichen von Spießigkeit geworden ist.
 
Individualität und Freigeist

So ist es nur konsequent, dass eine neue Generation von Männern die Hochwertigkeit als avantgardistisches Stilelement neu entdeckt. Ermüdet von Gender- und Feminismusthemen, Meinungsterror der Gutmenschen und endlos gelangweilt vom sogenannten Wutbürger, entstand in den letzten Jahren eine neue Form des Dandys. Er findet seine Individualität und seinen Freigeist jenseits der oben genannten Klischees.
 
Wenn der Durchschnittsbürger glaubt, mit zerschlissenen Jeans und Schlabber-Pullover in die Oper gehen zu müssen, um ein Zeichen seiner Individualität zu setzen, und jeder Bausparer mit Trillerpfeifen und Lichterketten für bzw. gegen alles protestiert, zeigen die neuen Männer mit einer äußerst subtilen Form, wie sie der hysterischen Gesellschaft begegnen und diese erkennbar ablehnen: Sie adaptieren den gehobenen Stil des Gentleman neu und passen ihn der heutigen Zeit an.  Et voilà: der moderne Dandy.
 
Der moderne Dandy ist durchweg mit leistungsbezogenen und konservativ-liberalen  Attributen behaftet. Er ist beruflich erfolgreich und legt Wert auf eine hohe Allgemeinbildung. Sein Benehmen in der Öffentlichkeit ist zurückhaltend und wirkt auf viele seiner Mitbürger eher "unmodern". Er liebt die politische Konversation, in der er mit Genuss die Thesen des heutigen Bürgertums zerpflückt. Er schätzt gutes Essen, die körperliche Pflege und niveauvollen Sport. Der moderne Dandy gibt sich ganz bewusst als Gegenpol zu den 68ern, die er für rückständig, verlogen und etwas schlicht hält. Für ihn ist diese Generation nie erwachsen geworden.

Konservative Kleidung
 
Die Brücke zum historischen Dandy bildet sein Verhältnis zur Kleidung. Der Kleidungsstil ist konservativ. Diese Klassifizierung erschöpft sich jedoch nicht mit Hemd und Anzug. Das eigentliche Statement ist die Nachhaltigkeit, also die kompromisslose Qualität seiner Kleidungskultur. Individualität und Persönlichkeit sind Trumpf. Die gleichgeschaltete Uniformität der globalen Kleidungsketten sind ihm zuwider, genauso, wie das plakative Branding vieler Labels und die ausufernde Replikakultur der konsumorientierten Materialisten.
 
Der Dandy liebt Kleidung mit Geist und Historie. Fachbegriffe der Maßschneiderei kennt er ebenso wie die Grundbegriffe meisterlichen Schuhwerks. Schließlich will der Dandy die Dinge kennen, in die er seine Mittel investiert. Namen und Gesichter geben ihm ein gutes Gefühl, nicht Marken und Brands.
 
Während sich der herkömmliche Mann dadurch auszeichnet, nicht gerne einkaufen zu gehen, zelebriert der Dandy den Gang zum Herrenausstatter. Bei der Auswahl der Stoffe, Innenfutter und Knöpfe lebt er sich aus. Der angeblich so angesagte metrosexuelle, androgyne Mann kann genauso wenig ein moderner Dandy sein wie der Wollmützen tragende Softie.  Für den Dandy hingegen ist alles ein Statement. Mode und Männlichkeit ist für ihn kein Widerspruch, sondern ein bewusster Umgang mit seiner Außenwirkung, die er durchaus auch gezielt einzusetzen weiß. Der moderne Dandy hat die stilfreie heutige Gesellschaft als Mainstream erkannt und akzeptiert, aber er setzt dieser einen Kontrapunkt durch seine klare Stilregeln entgegen, die sich, konsequent eingehalten, zu einem persönlichen Erkennungscode entwickeln.
 
Diskutieren Sie mit unserem Blogger! Wenn Sie sich noch nicht registriert haben, können Sie das kostenlos nachholen: Klicken Sie dafür einfach unter dem Kommentarfeld am Seitenende auf den beige hinterlegten Reiter „Für nicht registrierte Nutzer“. Dort können Sie sich ganz unkompliziert mit einem Benutzernamen Ihrer Wahl, einem Passwort und Ihrer E-Mail-Adresse anmelden. Anschließend erhalten Sie eine E-Mail mit einem Bestätigungslink, den Sie nur noch anklicken müssen – und schon können Sie kommentieren. Natürlich werden Ihre persönlichen Daten nur intern verwendet und nicht ohne Ihre Zustimmung an Dritte weitergegeben. Unsere Blogger freuen sich auf Ihre Beiträge!
Zur Startseite Mehr aus Stephan Görner - Stilvoll

BITTE BEACHTEN SIE: Unser Angebot dient lediglich Ihrer persönlichen Information. Kopieren und/oder Weitergabe sind nicht gestattet. Hier finden Sie Informationen zur Verwendung von Artikeln. Quellen: Mit Material von dpa, afp, kna, AP, SID und Reuters

Archiv ThemenMediadatenKontaktImpressumDatenschutzRSS

© 2016 Frankfurter Neue Presse