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Die Zeil verkommt immer mehr zur Ansammlung von Billigmarkenläden, findet unser Blogger Stephan Görner. Foto: Archiv Die Zeil verkommt immer mehr zur Ansammlung von Billigmarkenläden, findet unser Blogger Stephan Görner. Foto: Archiv
Wenn ich durch deutsche Fußgängerzonen laufe, fällt mir auf, dass es eigentlich nichts Auffälliges mehr gibt. Während die Kernbereiche kleiner Städte veröden, strahlen die repräsentativen Passagen der Metropolregionen in gleichgeschaltetem Einheitslook globaler Billigbrands. Auch wenn sich fast jeder darüber ärgert, dass der inhabergeführte Laden ausstirbt, gibt es keine gesellschaftliche Bewegung, die diese Entwicklung gestoppt hätte.
 
Dieser Zustand ist nicht nur in den Fußgängerzonen sichtbar. Er zeichnet das Bild einer ganzen Gesellschaft. Wenn jungen Menschen Hosen oder Schuhe für den Betrag kaufen, den unsere Generation für eine Schallplatte oder zwei Kinokarten ausgegeben hat, stellt sich die Frage der Wertschätzung für Kleidung und für die menschliche Schaffenskraft, welche die Anfertigung solcher Produkte erdulden muss.
 
Wir erinnern uns noch gut an die Bilder eingestürzter Fabrikgebäude in Bangladesch.
Geschadet hat es den betroffenen Firmen kaum. Das mag daran liegen, dass die Konsumenten von 10-Euro-Hosen kaum wissen, wo Bangladesch liegt.
 
Nun ist der Fachhandel nicht per se Garant für Qualität oder umgekehrt ist der Flagshipstore nicht deren natürlicher Gegner. Es gibt globale Marken, die hervorragende Produkte produzieren und mit den Mitteln des inhabergeführten Fachhandels gar nicht erfolgreich platzieren könnten.
 
Der nachhaltige Handel steht jedoch für eine bestimmte Kultur des Konsumierens. Er repräsentiert eine respektvolle Haltung gegenüber Produkten und Herstellern sowie seinen Kunden.  Er steht für Emotionen und für Begeisterung. Nachhaltige Produkte stehen für Tradition und Verantwortung.
 
Selbst in der Welt der anspruchsvollen Herrenmode beobachten Fachleute in den letzten Jahren einen Ausverkauf wertiger Manufakturen. Zug um Zug werden kleine Webereien und Handwerksbetriebe gekauft, um sie in große Konzerne zu integrieren. Ein bekanntes Beispiel ist der italienische Edelweber Brioni, der sich vom Hersteller handgefertigter Anzüge zum Gemischtwarenladen entwickelt hat. Die schönen Anzüge gibt es immer noch in gleicher Qualität. Ob es das komplette Fremdherstellerprogramm von Handschuhen bis zum Schal gebraucht hätte erlaube ich mir zu bezweifeln.
 
Zumindest verliert die Marke ihren Charme. Sie verliert in einer Welt der vermeintlichen Präzision diesen Hauch des Unvollkommenen, der sie liebenswürdig gemacht hat. Letztlich wird sie das gleiche Schicksal erleiden wie die französische Koffermanufaktur Louis Vuitton, die ihre Kernkompetenz verlassen hat und heute ein breites Sortiment von allen möglichen Alltagsartikeln anbietet für Menschen, die prominent zeigen wollen, was sie sich alles leisten können.
 
Mit Wertschätzung für handwerkliche Leistung oder besonders ausgeprägte Qualität hat das alles nichts mehr zu tun. Letztlich ist diese Entwicklung eine durchaus schätzungswürdige Leistung eleganter PR-Damen, die den Redakteuren von  Lifestyle-Magazinen im Rahmen von opulenten Events einhauchen, was der „Mann von Welt“ tragen sollte.
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