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Aussterbende Kunst

Von Die Dreistigkeit vieler Autofahrer hat etwas Meditatives.
In der Straße von Bloggerin Frauke Haß wird geparkt, was das Zeug hält. Ganz so dramatisch wie auf diesem Bild ist es aber (noch) nicht. (Symbolbild: dpa) In der Straße von Bloggerin Frauke Haß wird geparkt, was das Zeug hält. Ganz so dramatisch wie auf diesem Bild ist es aber (noch) nicht. (Symbolbild: dpa)
Meine Straße ist eine Sackgasse. Einerseits ja klasse: Kein Durchgangsverkehr. Leider hat sich unter den Autofahrern dieser Welt die Überzeugung festgesetzt: Diese Straße ist eine klasse Parkstraße, wenn man dann mit der U-Bahn in die Stadt fahren will oder zum Eintracht-gucken ins nahe bezahlfernsehenausgestattete Café. Freitagabends (oder samstagmittags, sonntagmorgens und zu allen anderen unmöglichen Tages- und Nachtzeiten) wird der Laubengang vor meinem Schlafzimmer zur Pole Position der Autofahrer-Verhaltensanalyse.

Man kann da sitzen und Autos gucken. Autos fahren rein in die Sackgasse (die meist von vorn bis hinten zugeparkt ist), wenden und fahren wieder raus, fahren rein, wenden und fahren wieder raus, fahren rein… Das kann etwas Meditatives haben. Doch meist ist das nicht von Dauer. Früher oder später fetzt ein Rettungstransporter in die Sackgasse (in der sich auch eine Notaufnahme befindet) und bekundet einem gemütlichen Parkplatzsucher per Sirene, dass sein kontemplatives Parkplatzsuchen gerade Leben gefährdet. Dann ist Schluss mit Meditation.

Interessant ist, dass, obwohl am Ende der Sackgasse ein Wendeplatz ist, der es jedem halbwegs kundigen Autofahrer gestatten würde, bequem mit einer leichten Linksdrehung des Lenkrads die Richtung um 180 Grad zu ändern, das kaum ein Autofahrer tut. Was sie machen, ist die klassische Dreipunktwendung (sie fahren geradeaus, merken, es geht nicht weiter, setzen mit dem Hinterteil eine 90-Grad-Kurve beschreibend zurück, fahren ein Stück geradeaus, setzen erneut mit dem Hinterteil eine 90-Grad-Kurve beschreibend zurück, um dann in die ursprüngliche Herkunftsrichtung zu fahren). Geht natürlich auch. Ist aber mühsamer und deshalb faszinierend.

Meine These: Irgendwie überblicken Autofahrer heute oft nicht mehr die Szenerie. Sie erkennen nicht den Raum, der sich vor ihnen öffnet (obwohl er das vermutlich jedes Wochenende tut), und der ihnen Gelegenheit gäbe zur lockeren Linkskurvenwendung. Stattdessen fahren sie – vielleicht ein ganz klein wenig stumpfsinnig – geradeaus, bis nichts mehr geht und wenden dann – meist ein wenig schwerfällig – nach Dreipunktsystem. Aber klar, jeder nach seiner Façon. Kaum gewendet, erweist sich bei den wenigen Glücklichen, die auf der Rücktour dann doch noch einen Parkplatz finden: Seitlich rückwärts einparken ist auch eine aussterbende Kunst.

Vergleichbar vielleicht mit Klöppeln oder Blätterteig selbst herstellen oder Lesen. Nun, das ist ja alles entschuldbar. Merkwürdig allerdings die relative Häufigkeit jener Menschen, die einen Parkplatz suchend in unsere Straße hineinfahren, keinen finden und dann beschließen: „Hey, da ist doch ein freier Carport, nehme ich doch den“, oder „Hey, da ist ja eine noch nicht zugeparkte Einfahrt, nehme ich doch die“ und dann da stehenbleiben. Stundenlang. Dann gibt es wiederum Menschen, die täglich unsere Straße entlang gehen und mit prüfendem Blick die Fehlverhalter scannen, um dann deren Scheibenwischer aufzuklappen – alles wunderbar von der Pole Position aus zu beobachten.

Ich frage mich dann immer: Was kann der Scheibenwischer dafür? Sind wirklich so viele beschäftigungslose Lehrer unter uns? Und: Was bringt’s? Vollstes Verständnis hätte ich selbstverständlich, wenn diese Menschen wütend, ihre stahlkappenbewehrten Füße gegen das Fahrzeug ausholen lassen, wenn sie Spraydosen zücken, selbst, wenn sie weinend zusammenbrechen würden. Aber: Scheibenwischer hochklappen?

Neulich stand ein flotter Mercedes viele, viele Samstagsstunden lang aber so was von in der Einfahrt, dass man sich durchaus wundern durfte. Irgendwann nachmittags kam dann Möchtegern-Bushido mit seinem Kumpel aus der Stadt zurück. Am (ausnahmsweise nicht ausgeklappten Scheibenwischer) fanden sie ein Zettelchen in Streichholzschachtelgröße: „Einfahrt“ stand schüchtern darauf. Möchtegern-Bushido und Kumpel lachen sich schlapp und standen anderntags wieder in der Einfahrt.

Was daraus zu lernen ist? Variante 1: Tai ji, Qi Gong, Yoga, whatever: Relax!
Variante 2: Lerne, Dich angemessen zur Wehr zu setzen.

Ich empfehle (selbstverständlich nur zur geistigen Reinigung, zur gewissermaßen gewaltvermeidenden Triebabfuhr): KILL BILL VOL. 1 und 2 (USA 2003/2004, R: Quentin Tarantino) im Kino des Deutschen Filmmuseums am Freitag, 19. und 26. Juli, um 22:30 Uhr (KILL BILL VOL. 1) und am Samstag, 20. und 27. Juli, um 22: 30 Uhr (KILL BILL VOL. 2)

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