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Bewegte Bilder

Von Mysteriöse Begegnung zwischen Wanderinnen und einer Horde von Männern.
Sie wandern nicht. Sie radeln nicht. Also was tun all diese Männer hier in diesem Wandergebiet? (Foto: dpa) Sie wandern nicht. Sie radeln nicht. Also was tun all diese Männer hier in diesem Wandergebiet? (Foto: dpa)
Der Gasthof in dem kleinen Ort im Altmühltal war so rustikal wie, nun, „originell“? Geführt wurde er von einer gleichzeitig ätherischen und matronenhaften Norddeutschen sowie einem kernigen Langhaar-Oberbayern. Beide in den späten Fünfzigern. Die hungrigen Wandererinnen waren spät dran (gleich drei ausgefallen Züge hatten morgens die Abfahrt empfindlich verzögert) und eilten nach raschem Frischmachen zurück in die Gaststube. Die war bevölkert von einer bunten Mischung aus Jüngeren und Junggebliebenen.

Das Lokal immer noch ein Wirtshaus, aber mit deutlichem Anspruch, „irgendwie anders“ zu sein. So begrüßten Wirt und Wirtin ihre Gäste stets mit Handschlag und offerierten eine interessante, jedenfalls vom üblichen Gasthaus-im-kleinen-Ort-Standard deutlich abweichende Karte. Dass die Lammhaxe mit mediterranem Gemüse dann in einem irdenen Topf serviert wurde, der das Absäbeln des Fleisches vom Knochen deutlich erschwerte, dass das Gemüse aus einer ganzen Zucchini (am Stück) und einer ganzen Aubergine (am Stück) bestand, auf dem das Fleisch zuoberst gewissermaßen ruhte, war dann doch etwas, nun, ungewöhnlich.

Zum Frühstück begrüßte der Wirt, betont munter, wieder mit Handschlag, und klatschte den beiden Reisenden mit derb-wohlmeinender Geste etwas Undefinierbares auf den Teller: „Des kriagt’s jetz scho amal so… als Amuse gueule.“ Berichtete dann, dass er die ganze Nacht höchstpersönlich Brot gebacken habe und fragte, welches der – komplett überdimensionierten – Brötchen man denn jetzt haben wolle. Das Undefinierbare auf dem Teller entpuppte sich als eine Art in oft benutztem Fett gebratenes Spiegelei auf Schweinebraten – um 7.45 Uhr am Morgen – für eine Vegetarierin und eine Nicht-Schweinefleisch-Esserin.

Beim Blick in die Runde erwies sich der deftige Frühstücksgruß aus der Küche als dem übrigen Publikum durchaus angemessen. Die beiden wandernden Frauen waren allein auf weiter Flur, was ihr Geschlecht anging: Weit und breit nur Männer. Männer einer ganz bestimmten Ausprägung. Definitiv keine Waid- und Wandersmänner mit Funktionsjacken, die man am Sonntagmorgen in einem Gasthaus im Altmühltal noch am ehesten vermutet hätte. Eher gewichtige, teils muskulöse, teils auch nicht so muskulöse, durchweg eher mittelalte, nicht besonders sportliche Männer. Männer mit einem Hang zu Schweinefleisch am Morgen und Bier am Abend. Was machten solche Männer am Sonntagmorgen hier?

Zwar stellte sich später gesprächsweise heraus, dass der Wirt leidenschaftlicher Motorradfahrer war und ein Teil des Publikums im Gasthaus wohl ebenfalls diesem Hobby nachging, aber es löste nicht die Frage nach der mysteriösen Männerepidemie an einem Ort, an dem es nichts gab.

Dasselbe Rätsel stellte sich nur zwei Wochen später im Harz. Abends fand sich im Gasthaus eine kleine übersichtliche Runde von Menschen, die man im November in einem Harzer Kurort erwarten würde: Ehepaare um Mitte 60. Doch am Sonntagmorgen: Wieder derselbe merkwürdige Überhang der oben beschriebenen Spezies Männer, teilweise allein, teilweise zu zweit. Definitiv keine Wanderer. Was macht so ein übergewichtiger Mittfünfziger allein an einem Wochenende im Harz? Mit dem Auto herumfahren? Ab und zu ein Bier trinken? Einsam sein?

Oder ist er auf der Flucht? Hat er in Berlin, Hamburg, München eine Bank überfallen und taucht nun unter? Hm, vielleicht einer von ihnen, aber was ist mit den anderen? Auch diejenigen, die offensichtlich zu zweit unterwegs sind? Wie verbringen sie den Tag, wenn sie nicht wandern oder radfahren und auch nicht wirken wie leidenschaftliche Leser?
Vielleicht gehen sie nach dem Frühstück in eine Spielhalle zum Daddeln? Vielleicht fahren sie mit der Bahn auf den Brocken, stehen eine Weile im Wind, fahren dann wieder runter, gehen ein wenig hin und her, bis es Zeit fürs abendliche Schnitzel und noch mehr Bier ist?

Vielleicht sind das alles aber auch nur schrecklich dumme Vorurteile. Vielleicht,… ja, was?

Vielleicht sind diese Männer alle zu Gast auf der späten Hochzeit eines alten Freundes und weil für so viele Gäste kein Platz im Haus ist, sind sie im Gasthaus untergebracht. Wäre möglich. Aber warum sitzen sie dann alle alleine herum und tun so, als kennten sie sich nicht? Vielleicht ist in der Nähe eine interessante Vorführung: Motocross im Harz zum Beispiel. Aber findet sowas nicht eher im Sommer statt? Oder es gibt – immer sonntags – geführte Quad-Touren „Rund um den Brocken“.

Aber vielleicht besuchen sie ja auch einfach nur ihre alte Mutter, die zur Reha im Harz ist. Das klingt nicht schlecht. So könnte es sein. Und das Problem mit dem Altmühltal lösen wir ein anderes Mal.

Filmtipps:
EASY RIDER (USA 1969, R: Dennis Hopper), DUEL (Duell, USA 1971, R: Steven Spielberg), WILD HOGS (Born to be wild – Saumäßig unterwegs, USA 2007, R: Walt Becker)
 
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