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Bewegte Bilder

Lebbe geht weider
Gegen Ende fragt Mason Junior Mason Senior: „What’s the point?“, und er meint damit: Was soll das alles? Wo führt das alles hin? Was ist der Sinn des Lebens? Sein Vater, gespielt von Ethan Hawke in Richard Linklaters Ausnahmefilm BOYHOOD (US 2014), weiß keine rechte Antwort auf die größte aller Fragen. Er sagt so etwas wie: „Es gibt keinen höheren Sinn, man muss einfach immer weitermachen.“ Gewiss keine Offenbarung für seinen sehr nachdenklichen, 18-jährigen Sohn, der schon ein paar Monate zuvor in einem anderen Grundsatzgespräch mit seiner Freundin beobachtet hatte, dass seine Mutter sich zwar mit Fleiß und Mut aus der Not der Alleinerziehenden herausgekämpft hatte, das College besuchte, schließlich ihren Master machte und nach vielen Jahren endlich in ihrem Traumberuf als Psychologie-Dozentin angekommen war. Doch mit welchem Ergebnis?

„Meine Mutter ist genauso verwirrt („confused“) wie ich.“
Was bringt das also alles? Dieser ewige Kampf, das Lernen, das Leistungsdenken, das Üben, das Arbeiten? Wenn man am Ende dennoch unglücklich ist? Große Fragen, auf die auch dieser Film keine Antworten hat. Aber das ist nicht schlimm. Schön, dass er sie stellt. Und während wir diesem Jungen, Mason, zwölf Jahre lang – wir Gott sei Dank nur knapp drei Stunden –  beim Heranwachsen zuschauen, lernen wir eine ganze Menge. Nicht nur über den Alltag von Patchwork-Familien in Texas, sondern über das Leben generell. Etwa, dass ein grenzpsychopathischer alkoholischer Vollidiot, der seine Kinder in Zeiten höchster Not mit Gläsern und Flaschen beschmeißt, zur Fußnote wird  - wenn man den Mut aufbringt, ihn dazu zu machen. Und das ist ja eine ganz nützliche Erkenntnis. Masons Mutter, eine sehr sympathische Person, hat leider den Hang, sich in Serie die falschen Männer auszusuchen, aber sie gibt nicht auf und wirft sie schließlich in Serie wieder aus ihrem Leben.  Am Ende erweist sich Mason Senior, der Schwerenöter und Vater ihrer Kinder, als verlässlichste männliche Bezugsperson im Leben derselben. „Alles eine Frage des Timings“, urteilt auch die Ethan-Hawke-Figur.

Während andere US-Filme aus einem grenzgewalttätigen Ehemann eine diabolische Figur machen und die Trennung von diesem zum kathartischen Finale stilisieren würden, bleibt Linklater hier ganz gelassen: Der Mann, der seinen Ziehsohn auf dem Gipfel der Aggression fragt: „Mason, Du magst mich nicht besonders, oder?“, beantwortet sich seine Frage sogleich selbst: „Das wundert mich nicht. Ich mag mich selbst nicht sehr.“ Und schon wenige Filmminuten später ist der Psychopath Geschichte. Was uns das sagt? „Lebbe geht weider“, wie Dragoslav Stepanovic sagen würde.

Ob Mason im Laufe seines Lebens noch herausfinden wird, was „the point“ ist? Schwer zu sagen, aber BOYHOOD lässt uns ähnlich wie John Greens herausragendes Buch DAS SCHICKSAL IST EIN MIESER VERRÄTER wieder (mit)fühlen, wie es ist, heranzuwachsen und: dass auch die Erwachsenen letztlich keine Antworten auf die großen Fragen des Lebens haben.
What’s the point? „42“ könnte man mit Douglas Adams sagen. Oder auch ganz etwas anderes.
 
Filmtipp:
BOYHOOD (US 2014, R: Richard Linklater)
THE LAST PICTURE SHOW (US 1971, R: Peter Bogdanovich)

 
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