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Bewegte Bilder

Von Keine Verkrampftheit, alles leuchtet: Eine kleine Farben- und Fahnenlehre als WM-Nachlese.
Eine durchaus fußballaffine Freundin sagte nach der Rückkehr von einem Kurztrip am Montag WM-bilanzierend am Telefon: „Als ich gestern nach Hause kam, hingen in meiner Straße im Nordend plötzlich lauter Nazifahnen, ist das nicht ein bisschen extrem?“ Nun, Nazifahnen sind es natürlich nicht. Aber es ist schon so: Wir in den 60ern und 70er Jahren Aufgewachsene haben – eigentlich - eine tief verwurzelte Allergie gegen schwarz-rot-gold. Die Farben der Fahne, das waren halt die Farben der Bundeswehr, der Konservativen und leider auch von jeder Menge Dumpfbacken.
 
In den vergangenen Jahren hat sich ja nun jede Menge geändert, was die einst mit der geistigen Kneifzange betrachteten Fahnen-Farben angeht. Spätestens seit der WM 2006 ist ein Tabu gebrochen: Der Deutsche traut sich plötzlich, stolz auf Deutschland zu sein und schmückte sich zunächst bloß vorsichtig, von EM zu WM zu EM immer mutiger mit Schwarz-Rot-Gold. 2014 ist dieser Trend ins Extreme explodiert – schon vor der Entscheidung am Sonntag.
 
Und die Älteren gruseln sich ein wenig, was ich verstehen kann, wenn man, wie ich am Sonntagnachmittag auf dem Hauptbahnhof, in torkelnde, grölende Horden hineinstolperte, wohlgemerkt, fünf Stunden vor dem Anpfiff. Als glaubten diese Rudel nicht so recht an den späteren Sieg unserer Jungs und wollten schon mal ordentlich vorfeiern, weil: Weiß man, ob man nachher noch die Gelegenheit dazu hat? Ein bisschen mehr Vertrauen und Zuversicht wären hier durchaus angezeigt gewesen. Nun ja, sie hatten Glück wie wir alle, und manche feiern immer noch. Sollnse, wer weiß, wie lange es bis zur nächsten Fußball-Party dauert.
 
Doch die Deutschen sind hier generationsscheidend gespalten: Der Kollege, der heute eindeutig in einem Jogi-Löw-Hemd das Büro betrat, wehrte entgeistert ab: „Das trage ich schon viel länger als der Löw“ (unter uns: so sah es auch aus), während er die schwarz-rot-goldene Frauenschar vor sich beinahe angewidert betrachtete: „Meine Generation hat es ja nicht so mit diesen Farben.“
 
Dabei sind sie doch eigentlich ganz schön – so frisch und klar und leuchtend, oder? So lange der Dumpfbackentrend nicht überhand nimmt, finde ich es jedenfalls eher entlastend nach jahrzehntelanger – wohl begründeter - Verkrampftheit in dieser Frage, dass wir Deutschen es wagen, uns positiv zu unserem verregneten, aber immer noch ziemlich vorbildlich demokratischen Land zu bekennen. Und dass das gegenwärtig auch noch mit einer Fußballspielweise verbunden wird, die international Anerkennung und Bewunderung erntet: umso besser. Am wichtigsten aber ist, dass diese Spielweise mit Sportlern assoziiert wird, die etwa nach der 7:1-Klatsche für Brasilien die Gegner nicht auch noch mit Triumphgeheul demütigend, sondern Trost spendend von brasilianischem Spieler zu brasilianischem Spieler gingen und so deren Schmerz nicht auch noch durch Machogehabe erhöhten. Diese Fairness und der Teamgeist der deutschen Mannschaft machen Mut ­­– okay, okay, das mit den Gauchos vergessen wir jetzt mal - und geben allen Anlass, ab und zu mal wieder schwarz und rot und goldgelb anzuziehen.
 
Aber jetzt ist wieder gut.
 
(Unter uns: Die EM 2016 kommt bestimmt!)
 
 

Filmtipps:
NACKT UNTER WÖLFEN (DDR 1963, R: Frank Beyer)
DIE BLEIERNE ZEIT (BRD 1981, R: Margarethe von Trotta)
BARBARA (DE 2012, R: Christian Petzold)

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