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Bewegte Bilder

Von Muskelspiele, Kraftproben: Im Fitneßstudio muss man nicht nur Gewichte stemmen, sondern auch manches Problem. Zwei Beispiele.
Neulich in der Muckibude: Der Laden ist durchaus von ansehnlicher Größe, zeichnet sich aber eher durch seine Phalanx an Ausdauer-Ertüchtigungsgeräten, denn durch seine schiere Menge an muskelaufbauenden, puren Kraftgeräten aus. Von denen besitzt er zwar durchaus eine beträchtliche Vielfalt, aber von jeder Spielart immer nur eines.
 
Das führt dazu, dass der zu seinem Tagesquentchen Selbstqual bereite Büromensch, will er seinen Zirkel in der gewohnten Reihenfolge durchziehen, warten muss, sollte das an der Reihe seiende Gerät gerade besetzt sein. Oder er überspringt es eben und macht schon mal mit dem nächsten weiter. Macht man aber nicht besonders gern.
 
Und schon gar nicht, wenn das an der Reihe seiende Gerät womöglich das letzte aus dem Kapitel „Arme/Schultern“ oder „Beine“ ist: Die soll man nämlich – zumindest hat es sich so in irgendeiner fernen Kammer des Gehirns festgesetzt; ob es stimmt? Wer weiß das schon? Schließlich sind ganze Heerscharen von Sportwissenschaftlern, Orthopädie-Technikern und Ingenieuren derzeit auch nicht in der Lage, eine eindeutige Bewertung darüber abzugeben, ob eine Karbonfeder statt eines Beins einem Sportler bei internationalen Wettkämpfen unlautere Vorteile verschaffen könnte. Doch zurück zum Satzanfang… – die jeweiligen Muskelgruppen soll man nämlich angeblich möglichst kompakt hintereinander trainieren. Außerdem, und wenn das kein Grund ist: Wer unterbricht schon gerne seinen gewohnten Zirkel? Eben.
 
Neulich in der Muckibude also martert sich so ein junger Halbgott an der bei mir ebenfalls an der Reihe seienden Bizeps-Maschine. Vorgesehen sind eigentlich pro Sportler drei Durchgänge à zwölf Übungen mit einer kurzen Verschnaufpause dazwischen (Zeitaufwand insgesamt etwa vier Minuten). Der junge Halbgott hatte sein Gerät dagegen auf ein so offensichtlich unmögliches Gewicht (ich schätze mal weit über 100 Kilogramm. Zum Vergleich: ich mache mit jedem Arm zehn Kilogramm) eingestellt, dass er es bestenfalls ein, aaarggghhhh, zwei, aaaaaaaarrrrggggghhhhhhh, dr…, nein, keine drei Mal hintereinander stemmen konnte. Offensichtlich irgend so eine sportwissenschaftlich ausgeklügelte neue Methode der bewussten Muskelstimulanz, was weiß ich. Jedenfalls hampelte er da nun schon gute zehn statt der gewohnten drei, vier Minuten herum, seine ein, zwei Übungen jeweils unterbrochen von zweiminütigen Pausen, und es war nun mal mein letztes Gerät. Der junge Halbgott sah so aus, als wenn er noch den ganzen Tag – aaaaaarggggghhhhhhh – so weiter machen könnte und würde.
 
Nun, der Vorteil eines in gewisser Weise angejahrten Lebensalters ist, dass junge Halbgötter eine höfliche Ansprache durchaus als mütterliche Strenge auffassen können und sofort die Fliege machen. „Aber natürlich, ich trainiere derweil an einer anderen Maschine.“ Voilà. Das ging ja noch mal gut.
 
Anderntags im leergefegten Trainingssaal, in dem bestenfalls drei, vier Personen insgesamt zugange sind, finden sich auf dem Boden vor der leerstehenden Oberschenkel-Muskel-Quäl-Maschine, etwa einen knappen halben Meter entfernt, eine Trinkflasche und ein Trainingsprotokoll. Weit und breit ist kein Mensch zu sehen, dem diese Gegenstände gehören könnten. Ich blicke nach links, ich blicke nach rechts: Nähert sich jemand eilig seinen Sachen? Hatte er oder sie sein Handtuch vergessen? Doch nichts geschieht. Flasche, Protokoll und Gerät bleiben verwaist, also absolviere ich meinen ersten Satz Übungen. Ich habe gerade mit dem zweiten Satz begonnen, da baut sich plötzlich ein älterer Mensch vor mir auf, der – mit Verlaub – von Statur und Gesichtchen eklatant an diese Figürchen erinnert, die unsere Omas noch bis in die 70er Jahre hinein zwanghaft in ihre Gärten stellten, und blickt mich herausfordernd an.
 
Nun sei gesagt, dass ich stets beim Training Hörbücher höre und deshalb wenig Sinn für anderes Gesprochenes habe. Aber es war ja nicht schwer, sich zu denken, was der so grimmig wie vorwurfsvoll dreinblickende Besitzer von Trinkflasche und Protokoll zu sagen hatte. Hier wirkte der Altersvorteil auf den ersten Blick auf seiner Seite. Aber nur auf den ersten Blick: „Nun“, sagte ich, „klarer Fall von, Handtuch-am-Pool-Situation‘. Funktioniert hier ebenso wenig wie auf Mallorca, aber dafür bleibe ich nicht so lange.“
 
Übrigens: Dass es bloß die Deutschen sind, die in aller Welt mit Handtüchern Liegen blockieren, halte ich für ein Gerücht. Es ist die internationale Spießer-Brigade, die das tut. Die geben sich nichts.


Filmtipps:

BURN AFTER READING (US/UK/FR 2008, R: Joel und Ethan Coen)
MAN SPRICHT DEUTSCH (BRD 1988, R: Hanns Christian Müller)
 
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