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Heimatforscher: Tief im Taunus

Von Der groovende Kaiser: Bad Homburg sucht einen Namen für ein Jugendzentrum, und mancher greift in die Mottenkiste.

Kennen Sie das „Kaiser-Center“? Nein, das ist kein einschlägiges Etablissement an der Frankfurter Kaiserstraße – und nein, dahinter verbirgt sich auch keine Shopping-Mall am Kaiserlei-Kreisel in Offenbach.

„Kaiser-Center“ ist ein aktueller Vorschlag zur Namensgebung für das geplante neue Jugendzentrum mit Sportangebot, Disko und Kino am Bad Homburger Bahnhof. Bisher firmierte das Projekt unter dem Arbeitstitel „Move & Groove-Center“. Dieser Name, so die Jugendorganisation einer stadtpolitischen Wählervereinigung, sei „uncool und nicht griffig genug“, weshalb sie den – offenbar coolen und griffigen – Namen „Kaiser-Center“ vorschlägt.

Nun ist es mir als Historiker ja grundsätzlich immer lieb, wenn die eigene Geschichte in den Namen öffentlicher Einrichtungen vergegenwärtigt wird. Das ist aber gar nicht so einfach: Denn die Wahl eines Namensgebers ist zugleich stets eine Würdigung und ein positives Bekenntnis zu der Person, an die erinnert werden soll.

Ganz offensichtlich wird dies bei Diskussionen um Straßennamen: So wird auch in Bad Homburg immer mal wieder über den Namen „Hindenburgring“ diskutiert – aus gutem Grund, denn heute käme sicher niemand mehr auf die Idee, eine Straße nach Paul von Hindenburg zu benennen. Man habe, war in der Zeitung zu lesen, „nicht unbedingt einen bestimmten Kaiser wie Wilhelm II. im Blick“, der aber durchaus „Bad Homburg nachhaltig verändert habe und in gewissem Sinne auch für Kultur stehe“. Zudem, so die Jugendorganisation, „passt ein Kaiser Center einfach perfekt zu einem Kaiser-Bahnhof in einer Kaiserstadt.“

In der Tat passt der Namensvorschlag in ein spezifisches Homburger Geschichtsbild, in dem die Hohenzollernkaiser und gerade Wilhelm II. überaus positiv beurteilt werden. Jedenfalls ist mir keine andere deutsche Stadt bekannt, in der, wie in Bad Homburg, noch 1982 ein öffentliches Denkmal für den letzten Kaiser errichtet worden wäre.

Dass die Stadt Homburg ganz wesentlich durch die Aufenthalte der Hohenzollernkaiser und vor allem durch Wilhelm II. geprägt wurde, ist ein offensichtlicher historischer Befund; in Homburg lässt sich die wilhelminische Epoche hervorragend erleben und studieren. Eine gewisse lokalpatriotische Liebe der Homburger zu „ihrem“ Kaiser, dem Wohltäter und Mäzen, ist durchaus verständlich; dabei sollte aber nicht vergessen werden, dass Wilhelm II., vorsichtig gesagt, nicht gerade zu den Lichtgestalten der Weltgeschichte zählt. Der Namensvorschlag „Kaiser Center“ trägt dem Rechnung: Man vermeidet einen direkten Bezug auf Wilhelm II. und verweist stattdessen allgemein auf die Kaiserzeit als prägende Epoche der Stadtgeschichte.

Das scheint mir aber doch sehr spitzfindig. Wenn wir uns ernsthaft unserer Geschichte stellen wollen, müssen wir uns eingestehen, dass nur Hell und Dunkel zusammen ein gutes Bild ergeben. Der Wilhelminismus ist eine Schlüsselepoche, die uns intensiv beschäftigen sollte. Zur affirmativen Bezugnahme eignet er sich aber genau so wenig wie zu Marketingzwecken. Das könnte es jedenfalls nur in Homburg geben: dass die Jugend in ein paar Jahren ins Kaiser-Center geht, dort in der stylishen Hohenzollern-Lounge einen Modecocktail namens „Willi Zwo“ schlürft und nach einem Film im Auguste-Viktoria-Kino den Abend im „Club Treitschke“ bei Diskoklängen beschließt. Stammgäste bekommen die „Junker-Card“. – Ich freu mich drauf!

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