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Heimatforscher: Tief im Taunus

Von Völliger Kappes: Manche Straßennamen regen zur blühenden Phantasie an - oder eben zur spannenden Recherche.

Vormals, in der guten alten Zeit, gab es in Wehrheim einen schönen Brauch: Am Aschermittwoch zogen die Wehrheimer vor die Tore des Dorfes, um dort unter großem Jammern und Wehklagen die Fasnacht zu Grabe zu tragen. Eine Strohpuppe wurde feierlich beerdigt, und die Narren warfen Ihre Narrenkappen in das offene Grab. Von diesem Brauch her bekam die Stelle den Namen „Kappengraben“.

Der Brauch ist verschwunden – im heutigen Wehrheimer Gewerbegebiet erinnert aber immerhin noch der Straßenname „Am Kappengraben“ daran.

Diese Geschichte ist frei erfundener Blödsinn, in anderen Worten: völliger Kappes. Damit aber, mit dem Kappes, nähern wir uns durchaus der Frage, woher der Wehrheimer Kappengraben seinen Namen tatsächlich haben könnte.

Zwei Möglichkeiten zur Erklärung bieten sich an. Die eine bezieht sich auf die Zucht von Kapaunen, also kastrierten Masthähnen, die dem Graben seinen Namen gegeben haben könnten. Kapaune waren im Mittelalter durchaus häufige Abgabeformen; in entsprechenden Zinslisten tauchen neben Abgaben in Form von Getreide und Geld durchaus immer wieder auch Masthähne auf. Man könnte hierbei durchaus an das nahe Zisterzienserinnenkloster Thron denken, in dem ein entsprechender Bedarf an Hähnchenfleisch sicher gegeben sein dürfte.

Mit der zweiten Möglichkeit sind wir beim Kappes in des Wortes ursprünglicher Bedeutung, also beim Weißkohl. Flurnamen, die sich auf den Kappes beziehen, gibt es in Hülle und Fülle – auch in der Wehrheimer Gemarkung findet sich beispielsweise ein „Kappesgarten“. Da zum Anbau von Kohl sehr feuchte Böden notwendig sind, liegt es durchaus nahe, dass irgendwann einmal, vielleicht im Zuge einer Umnutzung, auch ein Graben zur Entwässerung angelegt worden ist.

Weiter nördlich im Hintertaunus, in Edelsberg und Volpertshausen, gibt es den Flurnamen „Kappesgraben“; und einen „Kappengraben“ gibt es außer in Wehrheim auch in Gräveneck an der Lahn und in Wirbelau bei Runkel. In einer Beschreibung des Amtes Wehrheim aus dem 18. Jahrhundert wird der „Kappus“ ausdrücklich unter den dortigen landwirtschaftlichen Produkten genannt – neben Getreide, Kartoffeln, Rüben und Vieh.

Ob nun in der guten alten Zeit am Kappengraben kastrierte Gockel stolziert sind oder leckeres Kraut angebaut wurde – mit letzter Sicherheit lässt sich das nicht mehr entscheiden. Fest steht nur, dass in den Firmen, die heute unter der Anschrift „Am Kappengraben“ residieren, alles andere als Kappes hergestellt wird.

Gewidmet ist diese kleine Betrachtung daher der Belegschaft der Firma „Types on foil“, die wissen wollte, was es mit ihrer Adresse denn auf sich hat. Und falls Sie, liebe Leser, sich jetzt fragen, welche Geschichte hinter dem Namen Ihrer Straße steckt – das Kreisarchiv, die Stadt- und Gemeindearchive oder die örtlichen Geschichtsvereine geben jederzeit gerne Auskunft!

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