Lade Login-Box.
E-Paper
Abo & Service Immo Stellen Trauer

Heimatforscher: Tief im Taunus

Von Der Homburger Hof-Apotheker hat Literaturgeschichte geschrieben: Einen großen Dichter rettete er, indem er ihm Wahnsinn attestierte.

Apotheken

Frühling – das bedeutet für mich und zahllose Leidensgenossen brennende Augen und triefende Nase. Also: Auf zur Apotheke! Dort finden wir nicht nur allerhand Mittel zur Linderung, sondern können zugleich spannenden Geschichte begegnen.

Denn Apotheken sind ja keine Einzelhandelsgeschäfte wie andere. Weil das Apothekerwesen schon seit Jahrhunderten streng reglementiert und obrigkeitlich beaufsichtigt ist, gibt es Apotheken, die eine eindrucksvolle Kontinuität und Geschichte aufzuweisen haben. Meistens sind Apotheken zusammen mit Gasthäusern und (wo es sie noch gibt) Mühlen die ältesten Gewerbebetriebe, die sich in unseren Städten finden.

Es ist nicht weiter verwunderlich, dass wir die ältesten Apotheken in unserem Kreis in den beiden Haupt- und Residenzstädten finden: Die Amts-Apotheke in Usingen entstand um 1680, die älteste Homburger Apotheke ist die 1684 eingerichtete Engel-Apotheke. Sie zeugen vom Aufstieg, den Homburg und Usingen in der Barockzeit genommen haben.

Unter den tatkräftigen Fürstenpersönlichkeiten des Landgrafen Friedrich II. von Hessen-Homburg und des Fürsten Walrad von Nassau-Usingen erlebten beide Städte gegen Ende des 17. Jahrhunderts einen deutlichen Aufschwung – unabhängig voneinander, aber doch in bemerkenswerter Ähnlichkeit.

Dazu gehört auch, dass beide Städte und Höfe seit den 1680er Jahren durch eine Apotheke pharmazeutisch versorgt waren. Zu den Parallelitäten gehört auch, dass beide Städte zur selben Zeit durch die Anlage einer Neustadt erweitert und verschönert wurden. Das führte dazu, dass bereits 1716 Homburg eine zweite Apotheke erhielt – die Hof-Apotheke, die also in diesem Jahr ihr 300-jähriges Bestehen feiert.

Die Homburger Hof-Apotheke wiederum hat nicht nur Stadt-, sondern sogar Literaturgeschichte geschrieben: 1805 hatte der Inhaber der Apotheke, der Homburger Amtsphysicus und Hofrat Dr. Müller, ein Gutachten über den Geisteszustand Friedrich Hölderlins zu fertigen – eine heikle Angelegenheit, schließlich ging es um nichts Geringeres als um den Verdacht hochverräterischer Umtriebe. Müller kam zum Ergebnis, „dass sein [= Hölderlins] Wahnsinn in Raserei übergegangen ist, und dass man sein Reden, das halb deutsch, halb griechisch und halb lateinisch zu lauten scheint, schlechterdings nicht mehr versteht.“

Dieses Gutachten schützte Hölderlin vor den Ermittlungen – zugleich stellt es gewissermaßen die offizielle Diagnose der Geisteskrankheit dar, in der er seine zweite Lebenshälfte verbrachte. Der Wahnsinn hinderte Hölderlin nicht daran, weiterhin zauberhafte Gedichte über den Frühling zu schreiben, mit denen man sich ein wenig über den Heuschnupfen hinwegtrösten kann, so wie dieses hier:

Die Sonne glänzt, es blühen die Gefilde,
Die Tage kommen blütenreich und milde,
Der Abend blüht hinzu, und helle Tage gehen
Vom Himmel abwärts, wo die Tag' entstehen.

Das Jahr erscheint mit seinen Zeiten
Wie eine Pracht, wo Feste sich verbreiten,
Der Menschen Tätigkeit beginnt mit neuem Ziele,
So sind die Zeichen in der Welt, der Wunder viele.




 

Zur Startseite Mehr aus Gregor Maier - Taunus-Blog

BITTE BEACHTEN SIE: Unser Angebot dient lediglich Ihrer persönlichen Information. Kopieren und/oder Weitergabe sind nicht gestattet. Hier finden Sie Informationen zur Verwendung von Artikeln. Quellen: Mit Material von dpa, afp, kna, AP, SID und Reuters

Archiv ThemenMediadatenKontaktImpressumDatenschutzRSS

© 2016 Frankfurter Neue Presse