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Heimatforscher: Tief im Taunus

Von Wie schön: Bald feiert Usingen seine Laurentiuskerb. Erschrocken bin ich aber schon, als ich das Plakat gesehen habe...

Laurentiuskerb
 
Die Vorfreude in und um Usingen wächst: Vom 9. bis 12. September steigt wieder die Usinger Kerb, der Laurentius-Markt – eines der größten und traditionsreichsten Volksfeste im Taunus. Ich genieße jedes Jahr nicht nur das Markttreiben, die Tierschau, den Rummel und die Festzelt-Gemütlichkeit, sondern bewundere auch das Engagement und den Einsatz der Vereine und Institutionen, die hinter diesem Großereignis stehen und es immer wieder neu mit Leben füllen.
 
Etwas erschrocken bin ich aber doch, als ich das Plakat gesehen habe, mit dem für den diesjährigen Laurentiusmarkt geworben wird: Da ist eine Schönheit im Dirndl zu sehen, die zwei Maßkrüge stemmt und von der bayerischen Flagge umspielt wird. Der Kerbesonntag wird als „Wiesenfest“ etikettiert, und die Festzeltbesucher gebeten, in Dirndl und Lederhose zu kommen.

Nun lässt sich ja bereits seit einigen Jahren beobachten, dass das Veranstaltungsformat „Oktoberfest“ sich großer Beliebtheit erfreut und landauf, landab von Vereinen und kommerziellen Veranstaltern kopiert wird. Dagegen ist grundsätzlich nichts einzuwenden; wenn es dem Publikum Spaß macht, sich bayerisch zu kostümieren und an weißblauen Tischdecken zu Bier und Brezeln das große Münchener Volksfest im Kleinen nachzuspielen – bitte gern.

Aber ausgerechnet den Usinger Laurentiusmarkt als Kopie des Oktoberfestes zu präsentieren, ist für mich doch ein wenig schräg. Denn als 1810 die Münchner zum ersten Mal auf die Theresienwiese strömten, konnte die Usinger Kerb bereits auf eine Tradition von mindestens 380 Jahren zurückblicken.
 
Für das Jahr 1430 lässt sich erstmals die Feier der Kirmes in Usingen nachweisen; wir dürfen aber durchaus vermuten, dass das Fest so alt ist wie die Usinger Kirche, also bereits seit der Zeit um 1200 gefeiert wird.

Nicht nur dem Alter, auch ihrem Charakter nach lassen sich die beiden Feste nicht miteinander vergleichen. Der Laurentiusmarkt ist ein traditionelles Kirchweihfest, also eine Form, die im europäischen Brauchtum seit dem Mittelalter als eigenständige Gattung fest verankert ist: Die Kerb feiert gewissermaßen den Geburtstag der örtlichen Pfarrkirche – eine Gemeinde freut sich darüber, dass sie den Kraftakt, ein Kirchengebäude zu errichten, gestemmt hat, und feiert sich und ihre Kirche als Zentrum ihrer Gemeinschaft.

Das Oktoberfest dagegen ist entstanden aus den Huldigungsfeierlichkeiten zur Hochzeit des Bayerischen Kronprinzen, die offenbar so beliebt waren, dass sie sich in kürzester Zeit verselbständigten; es hat also rein profanen Charakter.

Nun könnte man einwenden, dass der unterschiedliche Urspung der Feste vielleicht etwas für spitzfindige Historiker sei, dass es aber im Kern doch unterschiedslos auf dasselbe hinauslaufe: Stimmung, Musik und Alkohol im Festzelt. Das wäre in meinen Augen dann aber doch zu oberflächlich: Ein Fest ist immer noch etwas anderes als eine Party oder ein Event; ein Fest ist immer auch Ausdruck von Geschichte, von Tradition und vor allem von Individualität, denn jedes traditionsreiche Volksfest ist ebenso auf seine Weise einmalig, wie es die Stadt ist, in der es stattfindet und zu der es gehört. So zu tun, als sei die Usinger Kerb eine der zahllosen, x-beliebigen Oktoberfest-Kopien, würde dem Charakter dieses Festes nicht gerecht werden.
 
Aber wer wäre ich denn, dass ich mir von einem missglückten Plakat die Vorfreude auf die Usinger Kerb vermiesen lassen würde? – Wir sehen uns also im Festzelt – und Sie erkennen mich daran, dass ich keine Lederhose tragen werde!

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