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Heimatforscher: Tief im Taunus

Von Berückend schön: Als hierzulande verhüllte Frauen der Normalfall waren. Gedanken zur Verschleierung.

Verschleierung

Die Debatte um den muslimischen Frauenschleier war eines der großen Sommerloch-Themen der vergangenen Wochen. Wer im Taunus verschleierte Frauen im öffentlichen Raum sehen will, dem empfehle ich einen Besuch in der Stadtpfarrkirche von Kronberg. Die spätgotische Johanniskirche inmitten der malerischen Altstadt zeichnet sich vor allem durch die wundervollen gotischen Grabmäler aus, die dort an die Ritter von Kronberg erinnern.

Gleich fünf große Epitaphien aus der Zeit um 1500 dienen dem Andenken an fünf Kronberger Ehepaare, deren steinerne Abbilder uns dort in naturalistischen Ganzfiguren gegenüberstehen. Die Kronberger Herren tragen prächtige Rüstungen als Zeichen ihres ritterlichen Standes; die Damen tragen kostbare, durch reichen Faltenwurf ausgezeichnete Gewänder, die aber nicht prunken, sondern ebenso vornehm, sittsam und zurückhaltend sind wie ihre Trägerinnen, die mit fromm gefalteten Händen auf ihre Auferstehung warten.

Und zur vornehmen Sittsamkeit dieser Damen gehört natürlich auch, dass ihr Haar unter prächtigen Hauben und Schleiern verborgen bleibt, die das Gesicht so eng umschließen, dass Stirn und Kinn darunter verschwinden.

Die weibliche Kopfbedeckung begegnet uns hier als fester Bestandteil christlich-europäischer Kultur. Die Redensart „Unter die Haube kommen“ erinnert bis heute daran, dass der Familienstand einer Frau daran zu erkennen war, was sie auf dem Kopf trug.

Die Vorstellung, dass zu anständiger Kleidung auch eine Kopfbedeckung gehört, hielt sich bis ins 20. Jahrhundert. Ich kann mich jedenfalls nicht daran erinnern, dass meine zu Beginn des Jahrhunderts geborene Großmutter jemals ohne Hut oder Kopftuch aus dem Haus gegangen wäre (ebenso wie natürlich mein Großvater immer seinen Homburg trug). Und bis heute stehen Nonnen- und Brautschleier in dieser Tradition.

Sind nun Schleier, Haube, Kopftuch und Hut dezidiert christliche Symbole? Natürlich findet sich eine biblische Fundierung, indem Paulus den Korinthern ins Gewissen redet: „Eine Frau aber entehrt ihr Haupt, wenn sie betet […] und dabei ihr Haupt nicht verhüllt. […] Wenn eine Frau kein Kopftuch trägt, soll sie sich doch gleich die Haare abschneiden lassen. Ist es aber für eine Frau eine Schande, sich die Haare abschneiden oder sich kahl scheren zu lassen, dann soll sie sich auch verhüllen.“

Die theologische Grundlage ist das eine – Vorstellungen von Sitte und Anstand, die sich durch die Jahrhunderte entwickelt haben, sind das andere. Wenn heute eine junge Frau sich einen schönen Brautschleier aussucht, dann tut sie das sicher nicht im Bewusstsein, einer misogynen Bibelpassage Folge zu leisten, sondern ganz einfach, weil sie findet, dass es zu einem Brautkleid irgendwie dazugehört.

Die Kronberger Grabmäler erinnern uns also daran, dass in früheren Jahrhunderten verhüllte Frauen auf deutschen Straßen nicht nur üblich, sondern der Normalfall waren – sind aber ganz unabhängig davon vor allem eines: berückend schöne, bewegende Kunstwerke.

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