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Heimatkundler: Tief im Taunus

Von Manche wollen Bad Homburgs Stadtplan von „Antidemokraten“ reinigen. Hindenburg etwa. Nun, da haben die Moralwächter noch viele Hausaufgaben zu erledigen.

Hindenburgring

In unregelmäßigen Abständen, aber doch mit einer gewissen Verlässlichkeit beschäftigt der Straßenname „Hindenburgring“ die Bad Homburger Stadtpolitik – so auch jetzt wieder. In einer weltoffenen Stadt könne es nicht angehen, dass eine Straße nach einem „Antidemokraten“ benannt sei, ist da zu hören.

Mir soll es recht sein, wenn das als Anlass dient, sich etwas intensiver mit unserer Geschichte zu befassen und die Biographie Paul von Hindenburgs in ihrer ganzen Widerborstigkeit in den Blick zu nehmen. Allerdings sollte diese Debatte nicht auf der Basis von Schulbuch- oder Wikipedia-Wissen geführt werden.

Ich jedenfalls würde mir gerne zuerst einmal von dem einem oder anderen kompetenten Historiker erklären lassen, welches Bild die Geschichtswissenschaft aktuell von Hindenburg zeichnet. Das wäre dann eine gute Grundlage, um darüber nachzudenken, ob es richtig ist, diesen Namen vom Bad Homburger Stadtplan zu tilgen – oder ob man sich doch zu der Gelassenheit durchringt, diese 1933 erstmals vergebene und 1953 wiederholte Benennung als Ausdruck unserer wechselvollen Geschichte zu belassen.

Falls wir aber tatsächlich Ernst damit machen wollen, den Stadtplan von „Antidemokraten“ zu reinigen, gibt es für die Bad Homburger Moralwächter noch die eine oder andere Hausaufgabe zu erledigen: So war zum Beispiel Ernst Georg Steinmetz ein überaus verdienstvoller Historiker, aber eben leider auch ein überzeugter Nationalsozialist. Immerhin ist die Ernst-Georg-Steinmetz-Straße nur eine unbedeutende Nebenstraße, die ohnehin kaum einer kennt.

Anders ist das im Herzen der Stadt mit der Ferdinandstraße und dem Ferdinandsplatz, die an den Letzten des Hauses Hessen-Homburg erinnern. Landgraf Ferdinand war ein reaktionärer Hardliner, der bei der ersten sich bietenden Gelegenheit die mühsam in der Revolution von 1848 erkämpfte Verfassung außer Kraft setzte. Er hielt es nicht einmal für notwendig, sie durch eine eigene Konstitution nach seinem Geschmack zu ersetzen, sondern regierte lieber willkürlich-autokratisch weiter – übrigens im offenen Widerspruch zu den Bestimmungen des Deutschen Bundes, der jeden Staat, und sei er noch so klein, zumindest auf ein Mindestmaß an Rechtsstaatlichkeit verpflichtet hatte.

Das sind nur zwei Beispiele, die sich sicher noch problemlos ergänzen ließen. Übrigens ist, wenn wir heutige politische Ethik als Maßstab nehmen, auch der „Hessenring“ mehr als fragwürdig – schließlich war es ein geradezu zynisch und natürlich auf dem Rücken der Bevölkerung ausgetragener Krieg um Macht und Einfluss, der Homburg zu Beginn des 16. Jahrhunderts seinen legitimen Herren entriss und unter die Knute der Hessischen Landgrafen zwang.

Wenn wir historische Gestalten und Ereignisse in „gut“ und „böse“ einteilen könnten, wäre das sicher einfacher für unsere politische Kultur – aber zugleich unendlich langweilig. Die Geschichte ist eben kein Schwarz-Weiß-Bild, sondern hat viele Farben und Zwischentöne. Wir müssen mit ihr leben, aber wir sollten uns davor hüten, über sie richten zu wollen.

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