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Heimatkundler: Tief im Taunus

Von 70 Jahre Hessen? Das stimmt gar nicht. Die Jubiläumsfeiern kommen zu spät - in mehrerer Hinsicht.

Mit großem Aufwand und vielen schönen Veranstaltungen hat unsere Landesregierung in den letzten Wochen ein Jubiläum gefeiert, das auch in Fernsehen, Radio und den Zeitungen vielfach aufgegriffen wurde und Anlass für etliche Sendungen und Veröffentlichungen war. Jubiläen sind immer ein schöner Anlass, sich die Geschichte zu vergegenwärtigen – vorausgesetzt, man weiß, was da eigentlich gefeiert wird.

Ob das tatsächlich der Fall war, erscheint mir allerdings fraglich – deshalb hier eine kleine Klarstellung. „70 Jahre Hessen“ war das Motto des Jubiläums – kurz, prägnant und falsch. Zunächst könnte man natürlich etwas oberlehrerhaft darauf hinweisen, dass ein Land namens Hessen bereits seit 1300 Jahren, seit der Karolingerzeit, existiert. Und wenn man den germanischen Stamm der Chatten, von denen sich die Hessen ja herleiten, heranzieht, kommen wir sogar ohne weiteres auf 2000 Jahre hessischer Geschichte.

Diesen Einwand freilich kann man ohne weiteres vom Tisch wischen mit der Bemerkung, dass es im Jubiläumsjahr 2016 nicht um diese lange hessische Geschichte geht, sondern um die Gründung des Bundeslandes Hessen in seinen heutigen Grenzen – also „70 Jahre Hessen“ als leicht dechiffrierbares Kürzel für „70 Jahre Bundesland Hessen“. Es stimmt: Die Kontinuität, in der unser Bundesland Hessen zu seinen namensgleichen Vorgängerstaaten steht, ist eine brüchige. Das Hessen der Nachkriegszeit ist, anders als der Name es suggeriert, ein Kunstgebilde, vergleichbar den Bindestrich-Ländern Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz. Zwar findet sich das alte Hessen-Kassel zur Gänze im Bundesland Hessen wieder; von Hessen-Darmstadt aber nur zwei Drittel. Dazu kamen ehemalige Staatsgebiete, die mit Hessen nichts zu tun hatten: Nassau (allerdings ebenfalls nur zu zwei Dritteln), das unter anderem die neue Landeshauptstadt Wiesbaden (und natürlich den Taunus) beisteuerte, die einstige freie Stadt Frankfurt und das kleine, aber nicht minder stolze Waldeck. Der ursprüngliche Name „Groß-Hessen“ für das Bundesland spiegelte diese künstliche Zusammensetzung noch wider.

Die Gründung des Bundeslandes Hessen war also durchaus eine wichtige Zäsur – und hat es verdient, dass man ihr Jubiläum feiert. Dass „70 Jahre Hessen“ dennoch in die Irre führt, zeigt ein schlichter Blick in den Kalender. Denn das Bundesland Hessen ist in diesem Jahr nicht 70, sondern 71 Jahre alt geworden. Gegründet wurde es durch die berühmte Proklamation Nr. 2 des amerikanischen Oberbefehlshabers Dwight D. Eisenhower am 19. September 1945 – in einem Zug mit Bayern und dem untergegangenen Land Württemberg-Baden. „70 Jahre Hessen“ war also schon 2015. Was soll dann das ganze Jubiläum?

Was eigentlich gefeiert werden sollte, war der 70. Geburtstag der hessischen Verfassung; die nämlich wurde per Volksabstimmung am 1. Dezember 1946 angenommen und ist damit die älteste Verfassung in Deutschland – zweieinhalb Jahre älter als das Grundgesetz und immerhin eine Woche älter als die bayerische Verfassung. Mit der Verfassung kann auch der Hessische Landtag sein 70-jähriges Bestehen feiern, denn gleichzeitig mit der Volksabstimmung über die Verfassung wurden auch Landtagswahlen abgehalten. Das Verfassungsjubiläum ist ein wichtiger Meilenstein unserer Geschichte – auch oder gerade weil die hessische Verfassung heute in manchem kurios anmutet: von der Todesstrafe über die Bestimmungen zum Geschichtsunterricht oder zur Sozialisierung von Industriebetrieben. – Also: Feiern wir getrost unser Verfassungsjubiläum – aber verwechseln es bitte nicht mit der Geburt unseres Landes, denn das ist eine andere Geschichte.

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