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Heimatforscher: Tief im Taunus

Von Gedanken zu Denkmälern - anlässlich eines unrühmlichen Auftritts.

Denkmäler der Schande
 
Mit seiner Äußerung, das Holocaust-Mahnmal in Berlin sei ein „Denkmal der Schande“, hat dieser Tage ein bekannter Rechtspopulist für einigen Medienrummel gesorgt. In ihrer Dummheit ist das eine hinlänglich sich selbst ad absurdum führende Aussage, die keines weiteren Kommentars bedarf. Auf oberflächlich-semantischer Ebene ist es ja eine Banalität: Der Holocaust ist eine Schande, und zu Erinnerung an diese Schande wurde mit dem Denkmal für die ermordeten Juden Europas ein eindrucksvoller Ort geschaffen. Problematisch wird die Aussage allerdings durch die bilder- bzw. denkmalstürzlerische Zielrichtung und einseitige Geschichtsbetrachtung, die dabei zum Ausdruck kommt.
 
Von einem erwachsenen Menschen erwarten wir, dass er sich selbst mit seinen Stärken und Schwächen kennt und auch mit den Fehlern umgehen kann, die er in seinem Leben gemacht hat. Dasselbe gilt auch für eine Gruppe, eine Gesellschaft, ein Volk. Unsere Geschichte besteht aus Ruhmesblättern und Schandflecken, und zu beidem müssen wir uns bekennen, wenn wir uns fragen, was die Welt, die wir täglich vorfinden, geformt hat.
 
Wenn Denkmäler ihrem Wortsinn entsprechend uns zum Nachdenken bringen sollen, dann werden gerade die Objekte, die widersprüchlich und unbequem sind, dieser Aufgabe gerecht. „Denkmäler der Schande“ gehören deshalb unverzichtbar zu unserer Geschichtslandschaft dazu und sind auch nicht neu oder einzigartig.

„Denkmäler der Schande“ wurden im Taunus beispielsweise um 1930 errichtet, um an die Schmach der alliierten Besatzung nach dem Ersten Weltkrieg zu erinnern. Und „Denkmäler der Schande“ sind auch die Erinnerungsorte an das erlittene Unrecht von Flucht und Vertreibung, die nach dem Zweiten Weltkrieg geschaffen wurden.

Freilich unterscheiden sich diese Denkmäler von denjenigen zur Erinnerung an den Holocaust dadurch, dass sie aus einer Opferperspektive heraus entstanden sind. Es bleibt aber die Gemeinsamkeit, dass sie an dunkle Zeiten erinnern, die zwar überwunden sind, aber besseren Zeiten zur Mahnung dienen und nicht verdrängt und vergessen werden sollten.
 
Besonders interessant werden Denkmäler dann, wenn sie ihre Bedeutung verändern, denn es liegt ja durchaus im Auge des Betrachters, ob etwas als Schande angesehen wird oder nicht. So fühlen sich heute viele beim Blick auf Kriegerdenkmäler wie das in Usingen aus den 1920er Jahren mit dem martialischen Heroismus zweier nackter Krieger zu Pferde zumindest befremdet, wenn nicht abgestoßen. Und ob man das Denkmal „der getreuen Stadt Bad Homburg und ihrer dankbaren Bürgerschaft“ für die doch zumindest differenziert zu betrachtende Persönlichkeit Wilhelms II. heute als Denkmal der Schande wahrnehmen will oder nicht, sei ebenfalls jedem Einzelnen überlassen.
 
Auch und gerade unbequeme Denkmäler sind wichtig – und es ist noch keinem gelungen, mit dem Sturz eines Denkmals die Geschichte umzuschreiben. Wenn unsere Vergangenheit nicht vielfältig und widersprüchlich wäre, wäre sie schlicht langweilig. Es ist gut, wenn wir uns über die Deutung von Geschichte streiten, denn das bewahrt uns davor, sie zu vergessen.
 

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