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Heimatforscher: Tief im Taunus

Von Noch immer wird der Weltkriegskaiser Wilhelm II. in Bad Homburg verehrt und gefeiert. Das sollte aufhören!

Kaisers Geburtstag
 
Was war noch gleich am 27. Januar? – Richtig, der Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus, kurz „Holocaust-Gedenktag“ genannt, auch bei uns mit einer Reihe ergreifender Gedenkveranstaltungen gewürdigt.

Die Bad Homburger wurden allerdings einmal wieder daran erinnert, dass der 27. Januar auch vor hundert Jahren schon einmal ein besonderer Tag gewesen war: Kaisers Geburtstag. Der „Offizier-Verein der Deutschen Armeekorps 1914“ spazierte in schmucken Uniformen und den obligatorischen Pickelhauben durch die Stadt und feierte hier den 158. Geburtstag Wilhelms II., des letzten Kaisers.

Grundsätzlich ist gegen den Spaß an der Verkleidung und das praktische Sich-Einfühlen-Wollen in vergangene Zeiten nichts einzuwenden – wie geschmackvoll es ist, sich dafür ausgerechnet den Inbegriff preußisch-deutschen Militarismus auszusuchen, und wie geschmackvoll es ist, in Uniformen der Weltkriegszeit öffentliche Aufmerksamkeit zu suchen, um an einen Monarchen zu erinnern, der nicht gerade zu den Lichtgestalten deutscher Regierungskunst zu rechnen ist, darüber möge sich jeder selbst ein Urteil bilden.

Jedenfalls aber dürften sich die Herren in Bad Homburg sehr wohl gefühlt haben. Schließlich gibt es wohl kaum eine zweite Stadt, in der man ein so unreflektiert positives Bild des Kaisers gewinnen kann wie hier. Denn hier, in Homburg, begegnet Wilhelm II. nicht als Politiker, nicht als Chauvinist, nicht als Militarist – sondern als Landesvater, als Mäzen, als harmloser Anekdoten-Lieferant. Homburg als Sommerresidenz steht für ein positives Kaiserbild.

Immerhin erlebte die Stadt im Wilhelminismus einen großen Aufschwung als mondäner Kurort, und eine ganze Reihe von großen Bauprojekten profitierten unmittelbar von der Möglichkeit, auf das Wohlwollen und die Schatulle des Kaisers zugreifen zu können: die Saalburg und der Herzbergturm ebenso wie die Erlöserkirche und Anlagen im Kurpark.

Die Homburger wussten, was sie an ihrem Kaiser hatten – und selbstverständlich bekam er dafür auch ein Denkmal: 1913 legte die Stadt eine neue Grünanlage, den Jubiläumspark an. Das zugehörige Stifterdenkmal trägt die Inschrift: „Zur Erinnerung an das 25jährige Regierungsjubiläum Seiner Majestät Wilhelm II. Deutschen Kaisers, König von Preußen ist dieser Park von der getreuen Stadt Bad Homburg vor der Höhe und ihrer dankbaren Bürgerschaft in den Jahren 1913 und 1914 angelegt und Kaiser Wilhelm II. Jubiläums-Park benannt worden.“ Das zugehörige Bronzerelief mit dem Kaiserporträt empfand man nach dem Sturz des Kaisers dann aber doch offensichtlich als unpassend und entfernte es – so wie in fast allen deutschen Städten Wilhelm II.-Denkmäler entfernt oder zumindest versteckt wurden.

Erstaunlich bleibt für mich aber doch, dass 60 Jahre später, 1982, ein neues Bronzeporträt angefertigt und am Denkmal angebracht wurde. Die in der Inschrift beschworene Treue und Dankbarkeit der Stadt Homburg und ihrer Bürgerschaft war also offenbar keine Floskel – mir jedenfalls ist keine andere Stadt bekannt, in der in bundesrepublikanischer Zeit ein Denkmal für den letzten deutschen Kaiser neu gestaltet worden wäre!

Das bis heute besondere Verhältnis der Bad Homburger zu „ihrem“ Kaiser zeigt einmal mehr, wie sehr es in der Geschichte auf die Perspektive ankommt – der Wilhelm in der kleinen Ortsgeschichte scheint ein ganz anderer zu sein als der Wilhelm in der großen Weltgeschichte. Wir sollten uns mit Wilhelm beschäftigen, ihn erforschen, ihm nachspüren – feiern allerdings sollten wir ihn nicht.
 

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