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Heimatforscher: Tief im Taunus

Von Früher trieben die Narren Sünder durchs Dorf, heute feiern sie auch im Taunus die Fastnacht braver - aber urwüchsiger als jede Kommerzparty.

Fastnacht im Taunus

„Brauchtumspflege“ ist ein schwieriges Wort: „Pflege“, das klingt nach Hinfälligkeit, nach mühevollem Einsatz für eine Sache, die aus eigener Kraft nicht mehr überleben kann, die pflegebedürftig ist.

Manch einer denkt dabei vielleicht an Trachten, die keiner mehr trägt, Volkstänze, die keiner mehr tanzt, Erntekronen, die keiner mehr bindet, oder Wallfahrten, die keiner mehr unternimmt.

In diesen Tagen erleben wir aber, wie ein Brauchtum gepflegt wird, das so lebendig wie kaum ein anderes ist: die Fastnacht. Manch einer rümpft die Nase und verweigert sich dem närrischen Treiben. Manch einer sieht die Fastnacht nur als Zwang zu aufgesetzter Fröhlichkeit, macht sich über den Ernst der Fastnacht mit ihren Orden und Ritualen lustig oder mokiert sich über Alkoholexzesse.

Ob man nun mitmacht oder nicht: Die Fastnacht ist ein uraltes christlich-europäisches Kulturgut. Sie ist so alt wie das Kirchenjahr und zumindest seit dem Hochmittelalter belegt: Die Fast-Nacht, der Abend vor dem Beginn der Fastenzeit, ist die Gelegenheit, noch einmal aus dem Vollen zu schöpfen, tüchtig über die Stränge zu schlagen und verkehrte Welt zu spielen – bevor dann die strenge, lange, freudlose Fastenzeit beginnt.

Wegen ihres hohen Alters, ihrer flächendeckenden Verbreitung und ihrer ganz unterschiedlichen Ausprägungen ist die Fastnacht eine der Königsdisziplinen der Volkskunde.

Für den Taunus allerdings ist die ältere Geschichte der Fastnacht vor ihrer vereinsmäßigen Institutionalisierung seit dem Ende des 19. Jahrhunderts leider nur wenig erforscht. Dabei ging es in früheren Jahrhunderten durchaus zur Sache. So wissen wir, dass es im Usingen des 16. Jahrhunderts durchaus vorkommen konnte, dass ein Fastnachtsmob eine vermeintlich untreue Ehefrau gewaltsam aus ihrem Haus zerrte, sie rittlings auf einen Esel setzte und im Triumphzug durch die Stadt führte.

Wenn heute, 450 Jahre später, in Büttenreden oder Motivwagen Politiker durch den Kakao gezogen werden, dann ist das zwar deutlich zivilisierter, aber im Kern dasselbe: die sprichwörtliche Narrenfreiheit, die es an Fastnacht ermöglicht, Missstände offen anzusprechen und zu rügen. Dieser anarchische Kern ist wesentlich für die Fastnacht, zugleich aber auch eine Herausforderung für diejenigen, die sich der Pflege dieses Brauchtums verschrieben haben.

Natürlich braucht es das Engagement der Fastnachtsvereine und der öffentlichen Hand – zugleich bringt das zwangsläufig Ordnungen und Hierarchien in den Brauch, die eigentlich im Widerspruch stehen zur Wildheit und Unordnung, die das Wesen der Fastnacht ausmachen.

Letztlich aber bietet die Freiheit der Fastnacht auch die fantastische Möglichkeit, sie immer wieder neu zu erfinden und zu gestalten. Das sorgt dafür, dass die jahrhundertelange Geschichte dieses Brauchtums nicht als Bürde oder Verpflichtung empfunden wird, sondern dass die Fastnacht immer neu und gegenwärtig ist. Die Fastnacht ist deshalb etwas grundlegend anderes als etwa Halloween oder die um sich greifenden Oktoberfest-Imitationen: Bei letzteren wird vor mehr oder weniger kommerziellem Hintergrund ein Anlass gesucht und gefunden, um sich zu verkleiden und Parties zu feiern. Fastnacht dagegen ist sozusagen die Mutter aller Parties: Fröhlich, laut, ausgelassen und ungezwungen. In diesem Sinne: Taunus Helau!

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