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Europa-Patriot

Nur Krämerseelen können angesichts des guten Gedankens von Geld reden.
An der Route des Cretes. Foto: Hans Bühler An der Route des Cretes. Foto: Hans Bühler

Wundern Sie sich nicht, ich bin ein Europa-Patriot. Ja, gerade jetzt, trotz der nicht endenden Eurokrise, trotz der Milliarden Hilfspakete für Griechenland und Zypern. Warum ich ein Europa-Patriot bin? Lassen Sie sich mitnehmen in die Vogesen,  in ein wunderschönes Gebirge im Elsass. Dort war ich im Sommer 2012 unterwegs auf der Route des Crêtes, einem Kammweg über die Höhen des Gebirges.

Die Aussicht nach Osten ist erhaben. Man blickt in die nahe Oberrheinebene und weiter bis zu den Höhen des Schwarzwaldes. Bei ganz gutem Wetter sind sogar im Süden die Alpen zu erkennen. Es ist ein grenzüberschreitender Ausblick, den die Gipfel der Vogesen bieten. Damit sind wir schon beim Thema Europa. In keiner anderen Region von Europa wechselten die Grenzen und die Staatsangehörigkeit in jüngerer Geschichte so oft wie im Elsass. Meine Wanderroute  über den Vogesenhauptkamm ist noch gespickt mit preußischen Grenzsteinen. Auf der Westseite erkennt man noch ein F . Die Kennzeichnung der Ostseite ist dagegen abgemeißelt. Hartmannsweilerkopf ist geographisch eine unbedeutende Anhöhe. Doch für mich als Wanderer wurde diese Anhöhe zu einem persönlichen Erinnerungsort, obwohl ich vorher noch nie dort war.

Im ersten Weltkrieg war der Hartmannsweilerkopf heftig und erbittert umkämpft. Vierzigtausend französische und deutsche Soldaten verloren hier ihr Leben. Ehrenfriedhöfe erinnern heute noch an die Franzosen. Beim Lesen ihrer Namen stutzte ich. Meist sind es deutsche Namen, oder besser gesagt elsässische Namen. Plötzlich war ich beim Lesen der Namen auf den Sammelgräbern in Gedanken wieder als kleiner Junge auf dem Getreidespeicher unseres elterlichen Fachwerkhauses.Dort stand etwas verstaubt ein Bild, das mit dem Hartmannsweilerkopf zu tun hatte. Auf dem großen Bild war ein gefallener deutscher Soldat abgebildet. Darunter ein Name eines meiner Vorfahren.

Meine Großmutter, Jahrgang 1898, fragte ich nach diesem Bild. Sie sprach vom ewigen Kampf der Deutschen gegen den Erbfeind Frankreich. Ihr Bruder hatte als blutjunger Soldat Verdun überlebt. Mit dem, was mir meine Großmutter da so erzählte, konnte ich damals wenig anfangen. Jugendliche heute können noch viel weniger mit dem Begriff der “Erbfeindschaft” zwischen Deutschland und Frankreich anfangen, Gott sei Dank.

Szenenwechsel - auf der politischen Bühne Deutschlands taucht gerade rechtzeitig vor der Kanzlerwahl im Herbst, eine neue Partei auf, die weg will vom Euro, dieser Krisenwährung, die uns die Rückkehr zur geliebten D-Mark verspricht.

Ich, als Europa-Patriot, bin froh über den Euro, trotz aller Schwierigkeiten. Auch wenn wir Deutschen noch mehr zahlen müssen an unsere verschwenderischen Nachbarn. Europa als politische Idee, die immer mehr reale Gestalt annimmt, ist unbezahlbar. Das zeigt sich beim Blick zurück in die Geschichte, zum Beispiel auf dem Hartmannsweilerkopf. Deutschland und Frankreich, über  Jahrhunderte Erbfeinde, sind heute als gute Freunde starke Stützen für das junge Europa. Nur Krämerseelen können da von Geld reden. Ich freue mich für die Zukunft meiner Enkel in einem vereinten Europa, in dem noch andere Erbfeindschaften ad absurdum geführt werden.

(Hans Bühler)
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