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Wanderpfarrer

Von Diesmal: Was wir von einem uralten Baum aus dem Jahr 760 lernen können.
Hans Bühler mit seinem Esel vor der alten Linde. (Foto: Bühler, weitwanderer4227.wordpress.com) Hans Bühler mit seinem Esel vor der alten Linde. (Foto: Bühler, weitwanderer4227.wordpress.com)
Mein Urlaub in diesem herrlichen Sommer 2013 führte mich,  in Kilometern gemessen, nicht sonderlich weit weg von unserem Wohnort Eschbach im Hintertaunus. Allerdings reichte unser Ziel weit zurück in der Geschichte. Den “ältesten Baum Deutschlands” wollten wir besuchen und kennenlernen.

Wir, das sind seit vier Jahren mein vierbeiniger Gepäckträger Boromir und ich. Vier Wochen Urlaub hatten Familie und Dienststelle mir gegeben, ausreichend Zeit, um das Ziel ganz zu Fuß zu erreichen. Nach zwei Wochen kamen wir in Schenklengsfeld nördlich von Fulda an. Wir näherten uns ehrfürchtig der riesigen Sommerlinde. Ein einfacher Stein verkündet : Gepflanzt 760.

Gegenüber im Gasthaus “Zur Linde” holte ich mir ein kühles Bier und ließ mich im Schatten des Baumes nieder. Der Sommerwind bewegte die Blätter, und zwischen dem Rauschen sprach die Linde plötzlich leise
zu mir:

„Schön, dass du jetzt in meinem Schatten angekommen bist. Ich habe schon auf dich gewartet.“

„So,“ entgegnete ich verwundert. „Du wusstest, dass ich dich besuchen komme?“

„Ja, natürlich, die Vögel aus dem Kellerwald waren schon vor Tagen hier und berichteten mir von dir und deinem Weggefährten. Gut, dass Ihr zu Fuß geht. Denn das ist einer der großen Fehler von euch Menschen, Ihr seid immer in Eile. Naja, vielleicht liegt es daran, dass euer Leben so kurz ist. Ihr versucht, in eurer kurzen Lebenszeit die ganze Welt zu erfassen. Um so tragischer ist es, dass ihr immer schneller durch die Welt hastet. So lauft ihr am Wesentlichen vorbei. Wie oft versuche ich, mit einem Menschen zu sprechen, aber er hört mich nicht, er ist in Gedanken schon beim nächsten Ziel, kaum, dass er hier aus seinem Auto gestiegen ist“.

„Ich brauche jetzt nach drei Stunden Wanderung ein lange Pause und höre dir gerne zu“, entgegnete ich. „Deine Lebenserfahrung ist gewaltig im Vergleich zu einem Menschenleben. Sag mir, was machen wir Menschen noch falsch in unserem kurzen Leben?“

„Ihr Menschen lebt nicht in Einklang mit dem Ganzen, Ihr lebt oft gegen den Rhythmus des Lebens. So verliert Ihr Harmonie und Lebensfreude.“

„Nenne mir ein Beispiel“, sagte ich zur Linde.

„Nun, im Winter zum Beispiel, da esst ihr Erdbeeren - und im Sommer habt ihr Eis in eurem Trinkbecker. Das ist genau umgekehrt wie in der Natur. Mit Eurer Technik macht Ihr die Nacht hell wie den Tag und dann wundert Ihr euch, wenn Ihr tagsüber müde seid, aber in der Nacht nicht schlafen könnt. Ihr müsst wieder auf den Rhythmus der Schöpfung achten und euch wieder einfügen in den Takt des Ganzen.“

Nachdenklich saß ich im Schatten: „Ja, wie recht du hast, weiser Baum, eigentlich ist es ganz einfach.”

Der Baum schwieg, aber aus seiner Krone erklang tausendfaches Summen. Die Bienen durchsummten den riesigen Baum sanft, aber intensiv. Den letzten Schluck Bier ließ ich die Kehle hinunter rinnen und stand auf.

„Moment“, sprach die Linde. „Lerne von den Bienen. Ich gebe ihnen Nektar und Blütenstaub, sie befruchten meine Blüten und schenken mir tausendfachen Samen. Das Leben ist Geben und Nehmen. Ihr Menschen aber nehmt oft im Übermaß und vergesst das Geben. So stört ihr das Leben und verwüstet das, was von Anfang der Schöpfung an gut und schön war“.

Dankbar lehnte ich mich noch einmal mit dem Rücken an den uralten Baum. Seine Kraft war groß, aber wohltuend für mich. Meine Hände spürten durch die raue Rinde den Pulsschlag des Lebens.  Danke, Lindenbaum.
 
Mehr zum Thema finden Sie in meinem privaten Blog.  
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