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Mein Leben in London

In der britischen Hauptstadt wird man ständig überwacht - denn die CCTV-Kameras hängen überall.
Heute möchte ich über ein wiederkehrendes Problem aus meinem Alltag in London berichten. Beim Pendeln zum King´s College London nahm ich mir die Zeit, dem Verlust meiner Freiheits- und Bürgerrechte eine Hausnummer zu geben. Sie lautet 57.
 
57 für mich sichtbare Überwachungskameras säumen meinen Weg von meiner Wohnung bis in die Londoner Innenstadt und in meinen Seminarraum. Ab dem ersten Moment in England war ich irritiert von der Masse an Überwachungskameras, auch in London bekannt als CCTV (Closed-circuit Television). Meine Zufriedenheit mit der Überwachung am Flughafen wandelte sich in eine irritierte, innerliche Zustimmung mit der Masse an Überwachungsgeräten im U-Bahnsystem und verkehrte sich zur Ablehnung in der Busstation, bevor es sich als Faktor der Unsicherheit im Supermarkt um die Ecke manifestierte.
 
Ich erkannte zuletzt, dass die Überwachung keine Ausnahme für ausgewählte, vermeintlich gefährdete Orte ist, sondern die Regel im öffentlichen Raum geworden ist. Es kommt vor, dass ein Kiosk mehr Überwachungskameras als Quadratmeter aufweist und auch der Zeitungsstand schützt sich mancherorts mit sechs Videokameras vor den vermeintlichen Gefahren der Welt.
 
Die Abendzeitung "London Evening Standard" berichtet von 10.000 öffentlichen Kameras in London und veranschlagt die Anzahl privat betriebener Kameras deutlich höher. Während die Tageszeitung "the guardian" von 1,85 Millionen Kameras im Vereinigten Königreich sprach, die in privaten und öffentlichen Räumen angebracht sind, gehen Hochrechnungen von Bürgerrechtsorganisationen von 4,2 Millionen Kameras aus. Diese unterschiedlichen Zahlen haben mit unterschiedlicher Klassifikation von Überwachungskameras in Privaträumen und unterschiedlichen Ergebnissen bei Zählungen zu tun. Beide Zahlen überspannen für mich allerdings den Bogen.
 
Besonders verwirrend ist der Widerspruch zwischen Anspruch und Wirklichkeit von den Vorteilen des CCTV. Die Tageszeitung "Daily Telegraph" wertete eine Polizeistatistik aus und kam zum Schluss, dass nur einer von 1000 Fällen durch die Überwachung aufgeklärt wird.
 
Lohnt sich dieser Einschnitt in die Bürger- und Freiheitsrechte wirklich? Wozu können die Millionen Kameras in der Zukunft noch genutzt werden? Haben britische und amerikanische Sicherheitsbehörden durch die Snowden-Enthüllungen nicht schon bewiesen, dass sie sich nicht an das geltendes Recht im Umgang mit Daten halten werden?
 
Ich möchte allerdings zu meinem sehr persönlichen Kontext zurückkehren. Zurück zu diesen 57 Kameras, die meinen Weg zur Uni begleiten. Bei einer absoluten Überwachung meiner Reisewege und meiner Aufenthaltsorte im öffentlichen Raum habe ich meines Erachtens keine Bewegungsfreiheit mehr. Es ist ein Zustand der Duldung in einem System der Kontrolle. Ich würde mich auch nicht frei fühlen, wenn ich jeden Tag an den Staat melden müsste, wann ich wo bin. Diesen Schritt überspringen CCTV und meine personalisierte, elektronische Karte für den öffentlichen Verkehr, die ich immer beim Betreten von öffentlichen Verkehrsmitteln einscannen muss.
 
Weiterhin sehe ich einen Eingriff in meine Handlungsfreiheit, da die permanente Überwachung sehr wohl mein Verhalten beeinflusst. Äußerst unwohl fühle ich mich direkt unterhalb eines toten Auges meine Freundin zu küssen, ungern schaue ich mir einige Artikel im Supermarkt an, ich esse und trinke sogar in einen anderen Art und Weise in einem Restaurant oder Café mit dem Wissen überwacht zu werden, ungern schlendere ich durch einen Zeitschriftenladen und lasse mir Zeit bei der Auswahl, wenn eine Kamera jeden meiner Schritte auf einen kleinen Bildschirm in den Kassenbereich überträgt. Meine Freiheit und das Recht, nicht überwacht und ständig gefilmt zu werden, ist mir ein großer Wert.
 
Selbstverständlich habe ich nach dem Besuch eines deutschen Gymnasiums und der wiederkehrenden und wichtigen Thematisierung von Überwachung in NS-Zeit und in der DDR einen anderen Standpunkt zu ständigen Aufnahmen. Selbst heute noch trifft man in Deutschland auf Menschen, die erfahren mussten, wie es ist, ständig überwacht zu werden. Eben diese Erfahrung fehlt meines Erachtens vielen Londonern und der britischen Gesellschaft, um sich mit kritischem Blick der Fragestellungen zu nähern. Zu gering ist das Aufbegehren in der Bevölkerung und zu einfach gehen die Worte: „Don´t worry about it. It´s part of your life in London“ über die Lippen meiner Studienkollegen.
 
Heute in London merke ich mehr denn je, dass meine Daten einen Preis haben. Jede große britische Supermarktkette bietet deutliche Rabatte und Angebote für Kunden mit personalisierten Mitglieds- beziehungsweise Kundenkarten an. Sogar einige Reinigungen wollten eine Anmeldung samt Telefonnummer, Anschrift und soziodemographischer Daten für einen Rabatt von einem Pfund pro gereinigtem Hemd. Es ist der Austausch von Daten zum Konsumverhalten für Rabattaktionen. Ein Tausch, den viele Studenten nur zu gerne eingehen.
 
In London findet sich leider im Großteil des öffentlichen Raums keinerlei Privatsphäre mehr. In Frankfurt, Mainz oder im beschaulichen Nieder-Olm, in dem ich groß wurde, konnte ich noch einen wichtigen Rest an Privatsphäre verspüren. Heute werde ich nach amtlichen Statistiken der Londoner Polizei bei einem längeren Aufenthalt in der Londoner Innenstadt um die 300 mal von Kameras erfasst.
 
Selbstverständlich finden sich Stimmen gegen die Überwachungspraxis in London. Gute Beispiele sind die Artikel vom der Abendzeitung "London Evening Standard" mit dem Titel „CCTV does not stop crime“ - "CCTV stoppt keine Kriminalität" oder der Tageszeitung "theguardian" mit „Why CCTV has failed to deter criminals“ - "Warum CCTV bei der Fahndung nach Kriminellen versagt hat".

Die Sichtung dieser Artikel und weiterer Studien belegen das Scheitern von CCTV in seiner eigentlichen Zielsetzung: Dem Verhindern und Aufklären von Verbrechen. Es rückt eine Frage immer weiter in den Vordergrund, der die Zeitung "The Telegraph" einen Artikel widmete: „CCTV cameras: If they do not stop crime or catch criminals, what are they for?“ - "CCTV-Kameras: Wenn sie nicht helfen, Kriminelle zu finden oder Kriminalität einzudämmen, wofür sind sie dann da?"
 
Vielleicht schaffe ich es morgen, 57 mal für die Kamera zu lächeln.
 
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