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Mein Leben in London

Eine Parallele zwischen Frankfurt und London: Der Migrationshintergrund zahlreicher Bürger.
Immer wieder finde ich mich in Gesprächen mit Menschen, die sich selbstverständlich als Londoner beschreiben - gleichzeitig aber von einer zweiten Heimat berichten. Wie in meinen AGs an einer Förderschule in Frankfurt-Gallus oder auf dem Uni-Campus der Goethe-Universität werden ausgiebige Gespräche über die eigenen Erfahrungen mit dem Thema Migration geführt.
 
Viele Menschen in Frankfurt kennen nur Teile ihrer Familie. Bei mir sind die Gründe hierfür schnell erklärt. Ich bin ein Mensch ohne einen singulären nationalen Bezug. Bisher ein Mensch mit Verbindungen nach Ghana, Deutschland, Großbritannien und Jamaika. Geboren und aufgewachsen in Deutschland, hatte ich leider nicht die Chance, Zeit mit meiner Familie in Übersee genießen zu können.  In meinem ersten Beitrag  steckte ich meine Ziele für meinen Aufenthalt in England ab und setzte die Suche nach meiner familiären und meiner englischen Identität weit nach oben.
 
Wie viele meiner Studienkollegen bin ich ohne die ständige Präsenz eines erweiterten Familienkreises aufgewachsen. Meine Konfirmation wollte ich damals beispielsweise nicht feiern, da ich sie nicht mit einem erweiterten Kreis meiner Familie teilen konnte. Schon früh fragte ich mich, wer all diese Menschen sind, von denen meine Eltern so erfreut berichteten. Einige durfte ich im Laufe meines Lebens bereits kennenlernen.
 
Zumeist erinnern sie sich an den kleinen Jungen mit Babyspeck und der breiten Brille, der ich mal war und ich mich leider gar nicht an sie. Aus diesem Grund reiste ich in den vergangenen Tagen nach Birmingham und verbrachte ausgiebige Zeit mit meiner Großmutter Marjorie Laing. Sie migrierte in den 60ern aus Jamaika und lebte für den Großteil ihrer beruflichen Karriere mit ihrem Ehemann Ronald Laing in Birmingham. Immer wieder nutzten wir in meiner Kindheit die Weihnachtszeit für eine Reise in das Elternhaus meines Vaters. Vor dem Haus versuchte ich mich, an den Geschmack von Truthahn zu erinnern und hatte das jährliche Silvesterfeuerwerk wieder vor Augen.
 
Im Laufe des Abends gingen wir gemeinsam mit meinem jüngsten Onkel Ronald meine Cousinen besuchen. Es war eine große Freude, bei ihnen zu sein und Berührungsängste waren rasch überwunden.
 
Die Älteste Laurae löcherte mich mit Fragen zu Deutschland sowie London und ich spielte mit ihrer jüngeren Schwester Raven. Mir wurde ganz warm ums Herz, als ich das Gefühl „Großfamilie“ hautnah erlebte. In langen Gesprächen mit meiner Großmutter, bei traditioneller jamaikanischer Küche, konnte ich die Kenntnisse über meinen Familienstammbaum erweitern. Nun ergänzte ich mein Schaubild von Verwandten ersten und zweiten Grades auf der Seite meines Vaters auf 70 Personen.
 
Noch am gleichen Abend fand ich meine Tante zweiten Grades, Jacqueline Laing Griffins, lebhaft in den USA, und führte ein ausgiebiges Gespräch mit ihr über ihr und mein Leben. So erfuhr ich von meinem Cousin zweiten Grades, der im Winter in Kanada heiraten wird. Schon zu Anfang meiner Zeit in London traf ich meine Cousine Kanika wieder, die ich zuletzt vor mehr als zehn Jahren sah.
 
In Kürze kann man davon sprechen, dass ich meine Familie und meine Herkunft erst seit meiner Reise im vergangenen Jahr nach Jamaika und meiner jetzigen Reise nach London kennen und verstehen gelernt habe. Zu lange bewegte ich mich emotional und gedanklich im Minikosmos meiner Eltern und meines Bruders. Doch England gibt mir die großartige Möglichkeit, meine Konzeption von Familie zu erweitern und mich selbst besser zu verstehen. Ich erkenne sehr viele Eigenheiten, sowohl die meiner Eltern als auch meine eigenen, in den Menschen wieder, die ich in den letzten Monaten traf.
 
Wie viele Menschen in Frankfurt komme ich aus einer Familie, in der Migration kein Untertitel in einer der unzähligen abendlichen Talkshows im Fernsehen zu diesem Thema ist. Vielmehr erfahre ich nun, dass Migration der dominante Faktor meiner Familiengeschichte darstellt.
 
Meine Verwandten ersten und zweiten Grades leben heute in Ghana, Nigeria, Deutschland, Jamaika, Kanada, USA, Österreich und dem Vereinigten Königreich. Sie alle habe sich auf eine lange oder kurze Reise begeben und ich fühle mich nun dazu berufen, ihrem Beispiel zu folgen, sie finden und kennenzulernen. Das nächste Kapitel meiner Familiengeschichte wird eine Reise nach Edinburgh sein, um mich auf die Spurensuche nach meinem schottischen Ururgroßvater zu machen.


 
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