Lade Login-Box.
E-Paper
Abo & Service Immo Stellen Trauer

Mein Leben in London

Das Wochenende verbrachte ich in Schottland - einem Land, das jüngst auf sich aufmerksam gemacht hat.
Dieses Wochenende verbrachte ich in Edinburgh, Schottland. In einem Land, das Europa wegen seines Diskurses über Identität und Verhältnis zu seinen Nachbarn aufhorchen ließ. Es war ein wundervolles Wochenende vom gemütlichen Gleiten im Flugzeug über das unendliche Grün Schottlands bis zu der kostenlosen Whiskeyverkostung am Flughafen.
 
Unbemerkt begeben sich viele Menschen bei einer Wochenendreise als Touristen auf eine Rennstrecke, wie wir sie aus dem amerikanischen Rennsport NASCAR kennen. Sie bewegen sich, getrieben von Hektik und Effizienz, auf vorgefertigten Wegen mit einem zirkulären Design.
 
In Edinburgh führt die touristische Rennstrecke von Burgbegehung, Einkaufen auf der Princes Street über den Besuch im National Museum of Scotland und der Whiskytour zu einem vermeintlich authentisch schottischen Pub und schnell wieder zurück zum Flughafen, wo es leider keine Siegerehrung gibt. Der Name des Rennens: „Scotland in a nut shell!“ - „Schottland in einer Nussschale“. Mit einem Augenzwinkern sage ich: „Ich habe am Rennen teilgenommen und ich würde jedem, der sich die Anmeldegebühr leisten kann, empfehlen, es auch zu tun.“
 
Die romantisierten Vorstellungen Schottlands haben sich für mich in weiten Teil bestätigt. Von der Ruhe auf dem schottischen Land, bis zur Schönheit der St. Gilles Kathedrale und dem nächtlichen Blick auf die ausgeleuchtete Burg Edinburgh Castle.
 
Mein Cousin Omari Whyne absolvierte sein Studium an der schottischen University of Sterling und lebt seit einiger Zeit in Edinburgh. Er navigierte mich bei Bedarf gekonnt abseits von den touristischen Pfaden und brachte mich in die kleinen Geheimtipps der jungen Erwachsenen und Studenten.
 
Bevor wir den kleinen, mittelmäßigen Shanghai Club für uns einnahmen, begaben wir uns auf eine Kneipentour. Das Highlight war definitiv die getarnte Bar Panda & Sons. Bei manch einem setzt ein Schock ein, wenn er auf der Suche nach einem Haarschnitt in den Barbershop Panda & Sons läuft. Am Fenster in goldener Schrift die Preise für eine Rasur und beim Gang durch die rote Tür erblickt man einen traditionellen Friseurstuhl. Doch im Keller hinter einer Bücherwand versteckt, offenbart sich dann eine schicke Bar mit breiter Auswahl. Spätestens die kleine Armee bärtiger Barmänner machen einem überdeutlich, dass man glatter Haut bei einem Besuch keinen Zentimeter näher kommt.
 
Das Nachtleben in Edinburgh setzt sehr viele Parallelen zur Cluberfahrung in Frankfurt. Viele Dinge an einer Partyabend sind internationalisiert, wie das Getränkeangebot, Musik und Raumdesign. Augenscheinliche Unterschiede waren allerdings schnell festzustellen. Viele Frauen trugen deutlich knappere Kleidung und höhere Schuhe als es in Deutschland der Fall ist. Junge Männer erwischte man zum Teil mit Fliege und Krawatte. Fremde Menschen gehen offener aufeinander zu und sind entspannter im körperlichen Umgang. Mit fremden Menschen auf der Tanzfläche zu tanzen, stellt eine Selbstverständlichkeit dar. Merkwürdig war es zu entdecken, dass bei dem Namen King´s College London mir die Aufmerksamkeit meiner Mitmenschen, vor allem der jungen Frauen, gewiss war. Mehr als einmal musste ich mich nach folgender Frage rechtfertigen: „ Wow. Dann bist du bestimmt sehr intelligent. Liege ich da richtig?“
 
Weiterhin wurde ich für meine Sorgen, nicht in den Club zu kommen, nur irritiert angestarrt. Mit einer Gruppe mit insgesamt drei dunkelhäutigen Männern braucht man eigentlich nicht den Versuch wagen, in einen regulären Club in Deutschland zu gehen. Eine Hip-Hop-Disco: Kein Problem. Eine studentisch-organisierte Party: Kein Problem. Meine letzten fünf Versuche mit anderen Dunkelhäutigen in einen Szeneclub in Deutschland zu besuchen, scheiterten allerdings. Diskotheken besuche ich eigentlich nur noch im Ausland. Es war befreiend, an fünf verschiedenen Gruppen von Türstehern vorbeizugehen - ohne Kommentar, Abtasten oder Diskussionen.
 
Im familienbetriebenen Mosque Kitchen, einem schmackhaften Curry-Deli, erholten wir uns bei einem großen Lammcurry von der langen Nacht. Wir besuchten am Wochenende auch in ein kleines Hipster-Thairestaurant. Ein Lokal, in dessen Art wir immer mehr in Frankfurt haben. Glatte Oberflächen, schlichtes Design, düstere Stimmung, zumeist Pan-kulturelle Küche beziehungsweise Fusion Food, sowie einen Gesundheitsanspruch. Kein Restaurant für meinen Geschmack.
 
Meine Reise war mehr als die Pflicht, einen Haken an die Dinge zu setzen, die man in Edinburgh „gesehen haben muss“. Auf der Suche nach meiner Identität folgte ich dem Ruf meines Nachnamen. Ein schottischer Nachname. Von einem schottischen Ururgroßvater.
 
„Weltweit leben heute mehr als 70 Millionen Menschen schottischer Herkunft.“ Ein kleiner Satz auf einer Tafel im Museum, der mich lächeln ließ. Auf Nachfrage beim Museumsführer unter Hinweis auf meinen Nachnamen wurde ich schnell mit den Worten: „Welcome home, Mate!“ - "Willkommen daheim, Kumpel!" aufgeklärt, dass ich einer von ihnen bin.
 
Zur Startseite Mehr aus Lorenz Narku Laing - Mein Leben in London

BITTE BEACHTEN SIE: Unser Angebot dient lediglich Ihrer persönlichen Information. Kopieren und/oder Weitergabe sind nicht gestattet. Hier finden Sie Informationen zur Verwendung von Artikeln. Quellen: Mit Material von dpa, afp, kna, AP, SID und Reuters

Archiv ThemenMediadatenKontaktImpressumDatenschutzRSS

© 2016 Frankfurter Neue Presse