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Mein Leben in London

Von Das British Museum in London zeigt derzeit die Ausstellung „Germany: A history of a nation“. Die Ausstellung möchte die letzten 600 Jahre der deutschen Geschichte abbilden.
Der Leiter vom British Museum Neil MacGregor hat mit der Ausstellung einen für Großbritannien ungewöhnlichen Blick auf die deutsche Nation geliefert. Der Schotte MacGregor studierte Deutsch an der renommierten britischen Oxford University und seitdem brennt in ihm eine Faszination. MacGregor nennt die Deutschen „ein Volk, dass die Welt immer wieder neu erfunden hat, zum Guten, aber auch zum Schlechten.“ Die Ausstellung zeigt in manchen Aspekten einen tieferen Einblick in die deutsche Geschichte als der britische Mainstream vermittelt. Sie zeigt die Vertreibung Deutscher im Zuge der Weltkriege oder die deutsche Geschichte von Budapest. Sie lässt allerdings wichtige Teile deutscher Geschichte aus. Beispielsweise die deutsche Kolonialzeit und die Errichtung des ersten deutschen Konzentrationslagers auf dem afrikanischen Kontinent.

Die Ausstellung schafft es mit der Zusatzbeschreibung „of a nation“, also „von einer Nation“, den Punkt zu treffen. Sie maßt sich nicht an, die deutsche Geschichte abzubilden oder die Geschichte des deutschen beziehungsweise deutschsprachigen Volkes zu erzählen. Sie möchte lediglich einen Blick auf die Geschehnisse innerhalb des Territoriums, derjenigen Nationen werfen, die wir heute als Vorgänger Deutschlands begreifen. Vor allem legt sie den Fokus auf die verhängnisvollsten 12 Jahre deutscher Geschichte über weite Strecken ab. Die Erinnerung an das grausame Verbrechen der Deutschen im 20. Jahrhundert wird in Form des Eingangstors von Buchenwald in die Ausstellung getragen. Die verstörenden Worte die auf dem Tor prangern „Jedem das Seine“ bleiben auch nach dem Verlassen der Ausstellung in Erinnerung. MacGregor begreift die NS-Zeit als einen Teil der deutschen Geschichte und nicht als die alleinige, deutsche Geschichte. Nach MacGregor kennen viele Briten nur die NS-Zeit als deutsche Geschichte.

Frankfurter Geschichte

Der britische Blick auf die Deutschen, da sind sich Presse, Museum und Kunstkritiker einig, kann durch die Ausstellung revolutioniert werden. Sie startete nicht zufällig in 2014. Die Aktualität der Ausstellung ist schnell verdeutlicht. Deutschland erfreut sich neuer Beliebtheit in Großbritannien. Das Jubiläum der deutschen Wiedervereinigung wird gefeiert. Deutschlands Rolle als Hegemon in Europa wird diskutiert. Vor 300 Jahren bestiegen Hannoveraner Herrscher den englischen Thron. Der erste Weltkrieg hat 100 Jahre zuvor begonnen. Es gibt also ausreichend Gründe für eine Beschäftigung mit Deutschland. Mit einer begleitenden Radioshow mit gleichnamigen Titel liefert das British Museum und der Radiosender BBC Radio 4 einen interaktiven Rahmen für die Beschäftigung mit der Ausstellung. Fans deutscher Geschichtsschreibung empfehle ich die noch immer verfügbaren Online-Podcasts.

Auf kleinem Raum ist es MacGregor gelungen mit der Ausstellung beeindruckende Meilensteine deutscher Geschichte zusammenzutragen. Mit einem kleinen Lächeln muss ich auch sagen, dass selbstverständlich einiges an Frankfurter Geschichte zu finden ist. Neben einem lebensgroßen Gemälde aus dem Städel Museum in Frankfurt von Goethe, konnte ich ein Bild der Frankfurter Nationalversammlung in der Paulskirche bewundern.

Vielfältiger Blick auf deutsche Nation

Beim Betreten der Ausstellung blickt man auf Videoausschnitte vom Fall der Mauer. Dieser Moment der Wiedergeburt Deutschlands, wie MacGregor es in seiner Buchbeschreibung nannte, ist bezeichnend für die ungewöhnliche Ausstellung. Das erste Gesicht der Ausstellung war das Gemälde von Erasmus von Rotterdam, gemalt von Hans Holbein. Erasmus ist ein Symbol europäischer Bildungskooperation und ich verdanke meinen Gang durch das Museum dem nach ihm benannten Stipendium. Als Student der Goethe-Universität mit dem Blick auf Erasmus wurde die Anknüpfungspunkte mit meiner Lebensgeschichte bewusst. Die erste Ausgabe von Karl Marx Werk „Das Kapital“ erinnerte mich an die marxistische Tradition meiner Hochschule. Die Gutenberg-Bibel ließ mich an die unzähligen Fastnachtsfeiern am Gutenberg-Denkmal in meiner Geburtsstadt Mainz zurückdenken.

Der Blick auf die Mauer und Erasmus stehen für den Ausstellungsfokus auf Entwicklungen und Errungenschaften. Aus diesem Grund findet sich als Zeichen der Reformation eine Lutherbibel von 1542, ein Verweis auf die technische Revolution in der deutschen Automobilindustrie ein VW Käfer sowie die Zeile „Vorsprung durch Technik“, ein Nashorn geformt aus deutschem Porzellan und in Anlehnung an deutsche Architektur ein Wiege im berühmten Bauhausstil. Die Auseinandersetzung mit dem deutschen Handwerk und berühmter Deutscher, als Vermittler von Geschichte, prägen die Ausstellung.

Hommage an die Bürgerbewegung

Ein für mich bedeutendes Ausstellungsstück ist das laienhaft hergestellte historische Schild mit der Aufschrift: „Wir sind ein Volk“. Es ist eine Hommage an die Bürgerbewegung in der DDR. Der Satz nimmt angesichts von Pegida in der heutigen Debatte einen faden Beigeschmack ein. Die Ausstellung ermöglicht einen vielfältigen Blick auf die deutsche Nation und ich hoffe, dass ich in Zukunft wieder mehr davon erzählen darf. Vor meinen Augen verblasst immer mehr der kleine Gartenzwerg in deutschen Nationalfarben am Ende der Ausstellung. Er steht für den nach der Weltmeisterschaft neu gewonnen lockeren Umgang mit der eigenen Nationalität in Deutschland. Der lockere Umgang erschöpft sich zur Zeit in AFD und Pegida.

Derzeit muss ich all meinen Verwandten im Ausland, meinen indonesischen Mitbewohnern und meinem internationalen Freundeskreis in London vor allem erklären, warum wieder zehntausende Rechte in Deutschland auf den Straßen unterwegs sind und ob wir aus unserer Geschichte nichts gelernt hätten. Hoffentlich rückt der gerade korrigierte Blick auf Deutschland beim Lesen der Berichterstattung über Pegida nicht wieder in die falsche Richtung. Als deutscher und britischer Staatsbürger schadet mir ein negativer Blick von meinen Landsleuten auf meine Landsleute doppelt.
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