Lade Login-Box.
E-Paper
Abo & Service Immo Stellen Trauer

Mein Leben in London

Von Unweit vom berühmten Kaufhaus Harrods steht eine besondere Kirche: Ihre Gemeinde ist eine Insel der Deutschen.
Nach wenigen Minuten in den letzten Reihen der Christuskirche in London-Knightsbridge schloss ich die Augen und stellte mir vor, in Deutschland zu sein. Ich öffnete sie wieder und alles passte: deutsche Kirchenlieder, ein freundliches „Guten Tag“ und Lesungen aus der deutschsprachigen Lutherbibel. Die Deutsche Evangelische Gemeinde in Wurfweite vom weltberühmten Kaufhaus Harrods ist eine kleine Insel deutschen Lebens.

Jeden Sonntag im Jahr trifft sich die Gemeinde von Pfarrer Georg Amann und hält einen deutschsprachigen, lutherischen Gottesdienst ab. Fremdsprachliche Gemeinden kennen wir nur zu gut aus dem Frankfurter Stadtbild. Es drängeln sich mehr als 160 religiöse Gemeinden in Frankfurt. Neben Christen, Muslimen und Juden auch Bahai, Aleviten, Hindus, Buddhisten und viele mehr. Sie sprechen unzählige Sprachen und repräsentieren ähnlich viele Konfessionen. Sie sind eingebettet in die Frankfurter Stadtkultur und nähren sich doch von fernen Wurzeln. Sie scheinen für Manchen fremd, aber sind in Frankfurt zu Hause.

Die Deutsche Evangelische Gemeinde in London-Knightsbridge darf seit mehr als 110 Jahren eine kleine Kirche, kaum breiter als ein britisches Ein-Familien-Haus, ihr Zuhause nennen. Pfarrer Georg Amann sieht seine Gemeinde „zwischen deutscher Herkunftskultur und englischen Lebensumwelt“. Treffend beschrieben, denn ich durfte Menschen kennenlernen, die liebevoll deutsche Kultur pflegen und zugleich Anknüpfung an die neue britische Heimat suchen oder schon aufgebaut haben.

„Wir verstehen uns nicht als Kulturverein. Wir sind eine Kirchengemeinde.“

Für den Pfarrer ist allerdings klar, dass der Glaube an erste Stelle steht. Heute erlebte ich einen Widerspruch hautnah. Es war ein regulärer, schlichter Gottesdienst. Kaum anders als er in vielen landeskirchlichen Gemeinden in Deutschland jeden Sonntag gefeiert wird. Er sprach von der vergangenen Weihnacht, „Charlie Hebdo“ und Nigeria. Unter dem dunkelbraunen Holzdach wurde aus der Bibel gelesen und über Feste gepredigt. Es ist ein Geschehnis, bei dem der Ort wichtiger als die Handlung wird. Es ist, als ob man eine Gemeinde in Deutschland samt Kirchenboten, Pfarrern, Gläubigen und Bibeln aus dem Boden reißt und ins Herz von London setzt. Viele Kirchengänger haben sich bewusst für den Besuch einer deutschsprachigen Gemeinde entschieden. Pfarrer Georg Amann erklärt warum: „Gerade der Glaube ist oft in seiner Muttersprache zu Hause.“

Der Bezug von Glaube zur Muttersprache liegt hinter den sperrigen Begriffen Gewohnheit und Tradition verborgen. Die Menschen wollen das ihnen vertraute Vaterunser sprechen, an das Singen von Kirchenliedern in ihren Herkunftsgemeinden in Deutschland erinnert werden und ihre geliebten Bibelstellen in deutscher Sprache diskutieren können.

Sie stehen damit in einer langen Tradition. Schon seit 1683 treffen sich deutschsprachige Lutheraner in London, um ihren Glauben zu praktizieren. 1904 gab ihnen Baron von Schröder mit der Christuskirche eine Heimat. Der Dialog mit anderen Kirchen aus aller Welt sowie mit den früheren Gastgebern bleibt bis heute erhalten. Mit einem Lächeln spricht Pfarrer Amann von den Schwestergemeinden im Glauben.

Gefühl von Kontinuität und Vertrautheit

Für mich ist dennoch der kulturelle Bezug, der die Menschen jeden Sonntag ausgerechnet auf diese Kirchenbänke in London bringt, entscheidend. Silke Becker hat lange Zeit in Bad Homburg gelebt und studierte an der Goethe-Universität Frankfurt Pharmazie. Inzwischen lebt sie seit zwölf Jahren in London und besucht die Gemeinde seit inzwischen vier Jahren. Sie hat eine klare Position zu ihrer Gemeindewahl: „Der erste Kontakt kam durch das Internet zustande, und ich habe schnell gemerkt, dass ich hier ein zu Hause in der Fremde gefunden hatte. Die Möglichkeit, an evangelischen Gottesdiensten in deutscher Sprache teilnehmen zu können, gibt mir das Gefühl von Kontinuität und Vertrautheit. Aber auch soziale Kontakte in meiner Muttersprache, die ich hier geknüpft habe, sind mir sehr wichtig.“

Viele Frankfurter besuchen aus den gleichen Gründen eine türkischsprachige Moschee oder eine englischsprachige Kirchengemeinde. Sie finden neben einem Ort, ihren Glauben zu pflegen, eine soziale Heimat. Ein Ort von Stabilität. Die freundliche Einladung nach dem Gottesdienst zu einem Tee und einem von mir immer geschätzten Stück Kuchen verdeutlichen die soziale Funktion von religiösen Gemeinden in der Diaspora.

Ursula Paish, 74, ist eine höfliche und bescheidene ältere Dame. Ihre Familie floh nach dem Zweiten Weltkrieg aus den Gebieten östlich der Oder und hat später die DDR in Richtung Westberlin verlassen. Nun gestaltet sie seit mehr als 50 Jahren den Gemeindealltag in London-Knightsbridge mit. Sie schloss auch in diesem Sonntag wieder die Tore zur Christuskirche. Ihre bei Journalisten sehr beliebte Art, knapp auf Fragen zu antworten, wird mir in Erinnerung bleiben. Vor allem ihre Begründung, warum sie die Deutsche Evangelische Gemeinde besucht: „Weil sie deutsch ist, ne.“
Zur Startseite Mehr aus Lorenz Narku Laing - Mein Leben in London

BITTE BEACHTEN SIE: Unser Angebot dient lediglich Ihrer persönlichen Information. Kopieren und/oder Weitergabe sind nicht gestattet. Hier finden Sie Informationen zur Verwendung von Artikeln. Quellen: Mit Material von dpa, afp, kna, AP, SID und Reuters

Archiv ThemenMediadatenKontaktImpressumDatenschutzRSS

© 2016 Frankfurter Neue Presse