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Mein Leben in London

Von In Saudi-Arabien wird ein Blogger ausgepeitscht. Wo sind jetzt die Millionen, die für Meinungsfreiheit demonstrieren?
Meine letzte Woche reihte politische Veranstaltungen geradezu aneinander. Ich besuchte die US-amerikanische Botschaft für eine Sondervorstellung vom neuen Dr.-Martin-Luther-King-Film auf Einladung von US-Botschafter Matthew Barzun, traf Bürgerrechtler Al Sharpton bei einer Veranstaltung für Wählermobilisation von Minderheiten in Großbritannien und nahm an einer Demo von Amnesty International für den inhaftierten Blogger Raif Badawi teil.

Vor allem die Mahnwache vor der saudi-arabischen Botschaft beschäftigt mich bis heute. Vor der Botschaft kamen circa 150 Aktivisten zusammen, um ein Zeichen gegen die Verurteilung und das Strafmaß von Blogger Raif Badawi zu setzen. Amnesty International Pressesprecher Neil Durkin fand im Interview mit mir klare Worte, aus welchem Grund wir an diesem Tag hier sind: „Amnesty International ist hier an der Botschaft in London, um es sehr deutlich zu machen, dass die Menschen überall auf der Welt wütend sind über die saudi-arabische Regierung wegen des Urteils in der Sache Raif Badawi von 1000 Peitschenhieben, 10 Jahren Gefängnis und einer Geldstrafe, nur weil er eine Webseite eingerichtet hat, um über Politik und Religion zu diskutieren.“

Mit den Worten: „Flogging for blogging! Shame on you“/ „Peitschenhiebe fürs Bloggen! Schämt euch!“, skandierten die Aktivisten lauthals ihre Wut über diese Strafe. Gwen Deibel aus Mannheim, die nun am University College London studiert, sagte mir: „Nur weil jemand seine Meinung gesagt hat, muss er eine schreckliche Strafe antreten.“

In diesem Moment wurde mir mulmig zumute. Es wurde mir klar, dass es viele Orte gibt, an denen einige meiner bisherigen Blogs und Aussagen zu erheblichen Konsequenzen geführt hätten. Die Überlegung, ob ich für meine Meinungsäußerung mein Leben oder mein persönliches Wohl riskiere, ist für mich, in meiner bequemen Position, glücklicherweise noch eine absurde Vorstellung. Doch Raif Badawi tat, was ich und viele von euch jeden Tag in sozialen Netzwerken tun. Er meldete sich zu Wort. Hierfür wird er nun in regelmäßigen Abständen ausgepeitscht.

Ich konzentrierte mich nun wieder auf Gwen Deibel, und sie landete noch einen verbalen Volltreffer bezüglich der Unfassbarkeit eines solchen Urteils: „Der Botschafter von Saudi-Arabien hat in Paris Seite an Seite mit europäischen Politikern für Pressefreiheit demonstriert, obwohl in seinem Land so etwas stattfindet.“

Ein Lippenbekenntnis für eine Sache und der wahre Einsatz für diese können oftmals weit auseinander liegen. In diesem Fall ist der Abstand deutlich erkennbar, denn wo waren die Massen, die sich noch in den letzten Wochen so vehement für die Meinungsfreiheit aussprachen? Es waren die gleichen 150 Menschen, die auch vor Monaten schon an einer Mahnwache teilgenommen hätten. Nichts aber war zu spüren von dem neuen Stellenwert der Meinungsfreiheit in einer „Post-Charlie-Hebdo-Periode“, wie sie Neil Durkin beschwor.

In unserem Alltag begegnet uns der Unterschied zwischen Bekenntnis zu einer Angelegenheit und dem Handeln in derselben immer wieder. Wenn Menschen sich ausdrücklich für Pressefreiheit aussprechen, aber sich weigern, eine E-Mail für das Wohl von unrechtmäßig inhaftierten Journalisten zu schreiben. Wenn Menschen sich immer wieder für Umweltschutz aussprechen, aber in der eigenen Wohngemeinschaft nicht den Müll trennen. Wenn Menschen sich über unfaire Arbeitsbedingungen beschweren, aber Institutionen, die diese schützen, nicht unterstützen wollen.

Es liegt eine breite Schlucht zwischen öffentlichem Bekenntnis und anschließendem Handeln. In der vergangenen Woche haben Demonstranten in London sowie in Sydney, Frankfurt, Edinburgh, Cambridge, Ottawa und in vielen anderen Städten der Welt Aktivisten rund um Amnesty International diese Schlucht überwunden. Sie sprechen nicht nur von Meinungs- und Pressefreiheit, sondern werden aktiv, wenn sie so offensichtlich verletzt wurde.
 
 
 
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