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Student: Mein Leben in London

Von Notenwahn, Karriereplan: Das Studium dient nur noch zur Berufsvorbereitung. Wir müssen wieder so frei sein, uns frei zu entfalten.

Es wird an vielen Fronten um das Studium gekämpft. In der "Zeit" entbrannte eine Diskussion über die Anwesenheitspflicht an Hochschulen. In der "Taz" schrieb die promovierte Historikerin Stefanie Schmidt von ihrer nicht zu überwindenden Arbeitslosigkeit.

Fast schon unermüdlich schreiben die Zeitungen über die Verfehlungen der neuen Studentengeneration. Das große Interesse an der Bologna-Reform ist gerade abgeklungen. Die Hochschuldozenten demonstrieren mit Petitionen und Demonstrationen ihre Unzufriedenheit mit ihren Arbeitgebern, den Universitäten.

Man möchte schon meinen, das Studium sei kaputt. Die Studenten in Deutschland werden angeblich ihrer gesellschaftlichen Funktion nicht mehr gerecht. Sie irritieren nicht mehr genug und protestieren zu wenig. Ihnen fehle auf eine merkwürdige Art und Weise ein revolutionärer Geist. Die einstige Sicherheit, einen bestimmten sozialen Status, ob ökonomisch oder sozial, mit dem Studienabschluss erreichen zu können, löst sich immer mehr auf.

Das stereotypisch faule, studentische Leben bleibt den finanziell abgesicherten Studenten vorbehalten. Bei den anderen ist es mehr eine Mischung aus ständigem Finanzierungskampf mit dem Bafögamt, Nebenjobs und Krediten.

Gerade jetzt, liebe Kommilitonen ist es so wichtig, das Studium neu zu definieren. Lasst uns weniger vom Studium und mehr von der Studienzeit sprechen. Die Studienzeit ist diese wunderbare Phase zwischen Schule und Beruf. Sie ist kein Mediator zwischen den Beiden, sondern hat auch einen Selbstzweck. Wir müssen anfangen, jenseits von Strukturen eine andere Stellung zu beziehen.

Das Erste, was wir ändern können, auch wenn alles gleich bleibt in der Welt, ist unsere Sicht auf die Dinge. Wir müssen eine neue Vision der Studienzeit entwerfen. Ein klares Bekenntnis ist ein Start. Ich habe mein Fach nicht ausgewählt, weil ich damit Karriere machen kann. Ich gehe nicht in ein Seminar und schreibe eine Hausarbeit, weil ich mir eine gute Note ergattern will. Ich wähle meine Seminare am Anfang eines Semesters nicht strategisch, nach Zeitplan oder Leichtigkeit aus. Ich entscheide diese Dinge nach Interesse und Einbettung in eine langfristige strategische Entwicklung meiner selbst. Nicht mehr: Was ist einfach. Sondern: Was formt mich am meisten.

Bei der Studienzeit geht es nicht um das Erreichen von den besten Noten oder dem beständigen Sammeln von Credit Points. Bei vielen eilt nun der Gedanke an das System Hochschule in den Vordergrund. Ja, ich kenne das. Ich sammelte in meinem Doppelstudium brav mehr als 300 Credit Points in 7 Semestern. Keiner verbietet euch das enge Korsett von Bachelor- oder Masterstudium anzulegen, denn nicht jeder muss ein Aktivist für bessere Bildung werden.

Ende 2013 organisierte ich eine Studienreise nach Jamaika, um die Rastafari zu entdecken. Im Januar 2014 reiste ich mit Theologen durch Georgien. Im Juni besuchte ich einen Monat eine Sommerschule zu Menschenrechten in Berlin. Danach ab nach Vilnius. Zwischendrin arbeitete ich für Jugendeinrichtungen, Schulen und Zeitungen in Frankfurt. Nun bin ich am King`s College London und sitze gerade bei meinem Praktikum für die Schwarze Bürgerrechtsorganisation Operation Black Vote.

Ich nehme meine Studienzeit selbst in die Hand. Es erfordert insgesamt eine andere Grundhaltung. Den Willen, ein Seminar mitzugestalten und dem Dozenten eine Absage zu erteilen, wenn er eine PowerPoint-Party aus eurem Studium machen will. Ein Stückchen Solidarität, wenn der nervige kleine Studiaktivist mal wieder über die unzulässige Anwesenheitsliste streiten möchte. Bringt den Kommilitonen Wertschätzung entgegen, wenn sie heute ins Seminar kommen, um sich zur Wehr zu setzen gegen ein starres Verständnis von Wissenschaft. Wagt es, in Hausarbeiten eure Überzeugungen und Ansichten vor euch herzutragen und zielt nicht auf gute Noten, indem ihr dem Dozenten von den Lippen lest. Fangt an die Hochschulkultur wieder stärker zu prägen.

Gewinnt eure demokratischen Strukturen zurück, indem ihr zur Hochschulwahl geht und die Gremien besetzt, die eure Interessen vertreten. Fangt an zu akzeptieren, dass es noch andere Menschen mit guten Hochschulabschlüssen gibt. Zu Tausenden strömen neue Wirtschaftswissenschaftler, Historiker oder Chemiker von den Hochschulen auf den Arbeitsmarkt. Es gilt sich abzusetzen. Nicht auf ein unangenehme Art und Weise mit möglichst viel Ellbogen-Mentalität. Sondern tut euch selbst den Gefallen und lebt ein studentisches Leben. Eine Zeit in der man reisen kann, sich nach der Universität zu ewigen Diskussionen trifft oder schon jetzt politisch aktiv ist. Nicht gezwungen oder angestrengt, sondern für Themen und Fragen, die euch wirklich begeistern und Freude bereiten.

Ein Umdenken wird euch nicht nur charakterlich, sondern auch beruflich ein Steigbügel sein. Denn oftmals werden euch gute Noten nicht in eure Traumberufe bringen. Stichwort ist Profilsetzung, Netzwerke und frühe Arbeitserfahrung. Profilsetzung, indem ihr euch frühzeitig eigene Themen aussucht und aktiv besetzt. Nehmt euch selbst ernst und macht euch schon früh zu Experten von Themen. Baut Netzwerke in den gewünschten Branchen auf. Sammelt Erfahrung in den von euch gewünschten Arbeitsfeldern. Verlasst euch nicht nur auf euer Studium als Türöffner zum Traumberuf.

Viele würden behaupten, das habe nichts mit studentischer Freiheit zu tun. Es ist ein Selbstoptimieriungswahn. Nein, ist es nicht und klar ist es studentische Freiheit. Ich liebe meine Reisen, Erfahrungen und Arbeitseinätze. Denn erst eine realisierte studentische Freiheit kann eine ganzheitliche und selbstbestimmte Studienzeit ermöglichen. Sie ermöglicht, das Studium selbst zu gestalten und bestmöglich zu verwirklichen. Ein Seminar zu verpassen, weil man in seinem Praktikum festhängt gehört ebenso dazu, wie als angehender Geisteswissenschaftlicher Mitglied in einer Sitzung der studentischen Unternehmensberatung zu sein, obwohl die Hausarbeit wartet. Oder als Jurist die Rechtsberatung für das Projekt der Sozialpädagogik zu begleiten, statt in der Bibliothek Bücher zu wälzen.

Sucht vor allem nach Unregelmäßigkeiten. Traut euch aus der Reihe zu tanzen und euch für fachfremde Themen zu begeistern. Macht euch attraktiv, indem ihr anders seid. Nutzt die gewonnene Attraktivität, um nach euren Zielen zu streben. Denn bitte seid euch gewiss: Am Ende kommen, diejenigen ihren Zielen am nächsten, die schon früh den Mut besaßen, viel dafür zu leisten, aus dem Rahmen zu fallen und die eigene Studienzeit mutig selbst zu gestalten.

Denn bei der Studienzeit geht es nicht um die besten Noten, sondern um einen ersten Schritt in Richtung Selbstverwirklichung. Ja, die Studienzeit ist mehr als die Vorbereitung auf den Beruf. Es ist eine wunderbare Zeit im Leben. Mit eigenen Regeln, Zwängen, Herausforderungen und Möglichkeiten. Eine Zeit in der es einfach ist, zu tun, was wir möchten. Euch und mir ist klar: Ich bin ein Idealist. Manche würden sogar sagen: ein Schwätzer. Ich bestehe aber darauf, ein pragmatischer Idealist und ein mutiger Schwätzer zu sein.

Klar ist, Studium ist auch einfach harte Arbeit. Ich scheue sie bei Leibe nicht. Mit dem Studium von 5 geisteswissenschaftlichen Fächern durfte ich so einige Bücher lesen und noch mehr auf meine Tastatur einhacken. Mein Plädoyer gilt einem selbstbestimmten, aktiven Gestalten der Studienzeit, abseits von jeglicher Beschränkung. Ihr selbst sollt die Zügel in die Hand nehmen. Verlangt eure studentische Freiheit zurück oder haltet zumindest den kleinen Rest fest, der geblieben ist.

Ich kann es kaum erwarten, die Fesseln der britischen Hochschulstruktur abzulegen und wieder in ein manchmal schon chaotisches Seminar an der Goethe-Universität zu gehen. Wenn von diesem Eintrag nur wenig hängen bleibt, dann bitte Folgendes: Das Studium ist kaputt. Wir haben es an Strukturen verloren. Die Studienzeit allerdings kann intakt sein. Wir müssen sie nur selbst gestalten wollen.

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