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Student: Mein Leben in London

Von Sexualität, Todesstrafe, Putzpläne - und über all das lange Debatten: In meiner WG mit Muslimen lerne ich viel fürs Leben.

Seit Monaten lebe ich nun in einer multikulturellen und vor allem interreligiösen Wohngemeinschaft. Drei meiner Mitbewohner sind muslimische, indonesische Ingenieure und mein unmittelbarer Zimmernachbar ist ein atheistischer Ökonom aus einer katholischen Familie in Norditalien.

Meine indonesischen Mitbewohner sind nun zum ersten Mal in einem westlichen Land, und der Kulturschock für sie war groß. Am Anfang stand die verzweifelte Suche nach dem richtigen Reis und am Ende ein Schock über das westliche Konsumverhalten.

Zusammengefunden haben wir in einer von der Universität London zusammengewürfelten Wohngemeinschaft in Finchley. Ab dem ersten Tag konnte ich als angehender Religionswissenschaftler mein Lächeln nicht verbergen. Zu erfreut war ich, mein neues zu Hause mit Muslimen teilen zu können. Ich freute mich auf die Veränderungen in meinem sozialem Umfeld, aber zunächst holte uns der Alltag ein. Viele würden sagen, wir sind zuallererst Menschen, dann Studenten und im Anschluss alles Weitere.

Wir haben uns wie alle WGs über Putzpläne, Reparaturarbeiten und Aufteilung von Stauräumen unterhalten. Wir haben uns wie die meisten Studenten-WGs beim Lernen, Bewerben und kostengünstigen Einkaufen unterstützt.

Lasst uns für dieses Blog mal den langweiligen Alltag beiseite schieben. Ich möchte euch von einigen Schnittstellen in unserem Zusammenleben berichten. Wir sind unterschiedlich. Von Tag zu Tag wurden unsere Unterschiede deutlicher. Gleichzeitig wurde unser Austausch wertvoller.

In den ersten Tagen sprachen wir lange und ausgiebig über den Umgang mit Schweinefleisch und Alkohol in unserer Küche. Es wurde sich beim Gespräch liebevoll aufgerieben. Es ging um Raum und Platz. Man wollte sich gegenseitig kennenlernen und abtasten. Wir entwickelten eine Gesprächskultur. Ich habe sie genossen.

Ich selbst hatte meine ersten sexuellen Erfahrungen im sehr frühen Teenageralter, und zwei meiner Mitbewohner haben noch nie eine Frau geküsst. Sie heben sich für die Ehe auf. Jedes „Männergespräch“ zeugte davon, wie anders Liebe, Sexualität und Beziehung gedacht werden.

Es lief nicht immer rund, und manchmal sind wir im Verlauf auch gestolpert. Gestolpert sind wir im Gespräch über die verhängte Todesstrafe gegen Australier in Indonesien wegen Drogenhandels. Hier saß ich zwei Indonesiern gegenüber, und sie forderten nachdrücklich eine Todesstrafe für Drogenhandel. Der Gedanke einen Menschen vom Staate ermorden zu lassen, löst Übelkeit in mir aus. Sie zogen die Denkbarkeit einer Todesstrafe aus ihrem Glauben.

Mit einer tiefen Unzufriedenheit gingen wir nach unserer Diskussion über die Todesstrafe auseinander. Wir kamen am Abend darauf zu einem Tee wieder zusammen. Wir erkannten ein Wohlwollen füreinander jenseits politischer und religiöser Trennlinien. Unsere Beziehung blühte nach der Auseinandersetzung auf.

Wachsen konnte unsere Beziehung auch in den langen Erzählungen über unsere Kindheit und den ausführlichen Diskussionen über berufliche Zukunft, Reisen und Familie. Wir besuchten gemeinsam Kirchen, Moscheen und Synagogen.

Mein Mitbewohner erzählte mir von seinen Erfahrungen und Gefühlen während seiner Beschneidung vor den Augen seiner Familie, als er 11 Jahre alt war. Selten fühlte ich mich der Gefühlswelt eines anderen Menschen so nahe. Lachend haben wir füreinander die unterschiedlichen Nationalküchen aufleben lassen, und nachdem viele Tabus gebrochen waren, konnten wir an manchen Tagen locker über unsere Unterschiede lachen.

Gerade mein italienischer Mitbewohner war immer wieder furchtbar naiv und unaufgeregt. Er stellte die dreisten Fragen, die vielen im Halse stecken bleiben und förderte einen offen Dialog.

Die knallenden Türen vor Sonnenaufgang, wenn sich meine Mitbewohner zum Morgengebet waschen, werde ich nicht vermissen. Sicherlich werde jedoch meine interreligiöse Wohngemeinschaft vermissen. Immer wieder haben wir in die Wunden gefasst. Religiöse Speisevorschriften, sexuelle Freiheit, Atheismus, Kopftuch, Beziehung, Verständnis von Männlichkeit. Gleichberechtigung. Wir waren Tag für Tag bereit, allen Mitbewohnern ihre Freiräume zu lassen und zugleich über unsere Unterschiede sowie Gemeinsamkeiten zu sprechen.

Ich würde immer wieder gerne einziehen. In London lernte ich jeden Tag viel für mein künftiges Leben - und an manchen Tagen zum Glück zu Hause und nicht im verstaubten King's College London.

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