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Student: Mein Leben in London

Von Der Geist der Frankfurter Blockupy-Demonstration beseelt auch hier die Studentenbewegungen - leider auch der Ungeist.

Einige Stimmen einer neuen Londoner Studentenbewegung unterstützen die gewalttätigen Demonstrationen in Frankfurt vergangene Woche. Sie haben auch wichtige Forderungen an das Hochschulsystem. Das Aufkommen von Occupy-Bewegungen an Londoner Hochschulen verwundert eigentlich wenig. In diesem Blog widme ich mich den Wurzeln der Bewegung, aber auch meinen Erfahrungen bei einem Besuch vor Ort.

Die Londoner Universitäten haben eine ausgeprägte linkspolitische Tradition. Schon fast vergessen ist, dass die heutige Kaderschmiede für die Londoner Finanzwelt LSE von der neo-marxistischen Fabian-Bewegung gegründet wurde. Sie war im vergangenen Jahrhundert einer der wichtigsten Denkzentren für den westlichen Marxismus.

In London gründete sich die traditionell, linkspolitische verfasste Studentenschaft National Union of Students. Sie arbeitet seit jeher mit linkspolitischen Parteien und Akteuren, wie Gewerkschaften zusammen. Viele Studenten folgen gedanklich dieser Tradition. Auch gehören diverse feministische, sozialistische und marxistische Studentengesellschaften noch fest zu den Hochschulgemeinschaften. Aus diesem Potenzial rekrutierten sich die Führungsteams von OccupyLSE-London School of Economics, OccupyULA- University of the Arts London und OccupyKCL- King´s College London. Sie besetzen heute Räume in Londoner Hochschulen.

In Frankfurt wäre eine ähnliche Bewegung sehr wohl denkbar. Die Ausgangslage scheint sehr ähnlich zu sein. An unserer Goethe-Universität hatten wir im 20. Jahrhundert mit der Frankfurter Schule am Institut für Sozialforschung ebenfalls ein bedeutendes Zentrum des westlichen Marxismus. Nicht nur bei den Studentenprotesten, der 68er-Bewegung oder im SDS, im Sozialistischen Deutschen Studentenbund, leisteten Frankfurter einen entscheidenden Beitrag. Leider hatten auch Terroristen wie Andreas Baader ihr zu Hause in Frankfurt.

Zudem war Frankfurt intellektuelle Heimat wichtiger Vordenker linkspolitischer Parteien. Im Umfeld der Goethe-Universität war Daniel Cohn-Bendit in der  Spontibewegung unterwegs, und Joschka Fischer gründete nach Mitarbeit beim SDS die Karl-Marx-Buchhandlung in der Nähe vom Frankfurter Campus. An der Universität sitzen neo-marxisitische Gruppen noch immer im Studentenparlament.

Ähnlich wie die Karriereentwicklung von Joschka Fischer verkehrte sich die marxistische Tradition der Hochschulen in London und Frankfurt in eine wirtschaftsorientierte Realität.

Die linkspolitische Tradition fordert eine demokratisch-organisierte Hochschule, kostenfreie Bildung und soziale Arbeitsbedingungen. Die wirtschaftsorientere Realität setzt auf effizienz-orientierte Managementkonzepte, Durchsetzung von wettbewerbsorientierter Forschung und Lehre sowie karriereorientierte Studiengänge. Kurz gesagt: Es prallen zwei sehr unterschiedliche Vorstellungen von Hochschule aufeinander.

An dieser Trennlinie zwischen linkspolitischen Studentengruppen und zunehmend wirtschaftsorientierter Hochschulentwicklung kommt die neue Studentenbewegung in London auf.

Ich machte mich auf die Suche und besuchte in der vergangenen Woche die Protestgruppe OccupyLSE an der renommierten Universität London School of Economics. In einer Stadt wie London kann sich die nächste Universität von Weltformat gerne auch mal auf der anderen Straßenseite befinden. So auch hier. Nach 10 Minuten Fußweg habe ich die Pforten zum LSE Old Building durchschritten.

Hier haben Studenten einen wichtigen Sitzungssaal der Universitätsverwaltung übernommen. In diesen Räumen werden rund um die Uhr Dialogveranstaltungen, Seminare und Koordinationstreffen abgehalten unter dem Label „London Free University“.

Ich trete in den stickigen Raum ein, die Wände hängen voll mit handgemalten Plakaten und gesellschaftskritischen Postern. Der elegante Hochglanz britischer Spitzenuniversitäten ist ersetzt durch die Atmosphäre einer linken Studenten-WG. Es kommen profilierte Aktivisten zu Wort. Vielversprechende Pläne zur Demokratisierung der Hochschulen werden ausgearbeitet, endlich Bibliothekszugang für jeden und die überfällige Forderung nach einer kostenfreien Bildung mit Protestaktionen untermauert. Es ist Raum für die wichtigen Probleme britischer Hochschulen. Regelmäßig werden Treffen mit der Hochschulverwaltung und Vertretern von den Hochschulmitarbeitern abgehalten. Es ist eine funktionierende, unaufgeregte und motivierte Aktion.

In dem Raum diskutieren Studenten und Universitätsangestellte miteinander in einem Sitzkreis. Der Großteil trägt eine kleine rote Fahne, befestigt mit einer Sicherheitsnadel direkt über dem Herzen. Auf der rechten Seite türmen sich Essens- und Getränkespenden. Die Stimmung im Raum ist aufgeladen. Dicht gedrängt diskutieren 40 Personen über ihre Vision für eine freie Bildung. Ich empfinde die Arbeitsatmosphäre als inspirierend.

Ich drehe mich um. Mein Wohlempfinden ist gebrochen. Da hängt es. An der „Wand der Solidarität“. Neben anderen Bekundungen ein Schild mit der Aufschrift: „Solidarität mit den Blockupy Frankfurt Demonstranten“. Vielen Frankfurtern wäre in diesen Tagen schon hier der Kragen geplatzt. Ich habe mich entschieden noch, entspannt hiermit umzugehen. Es ergibt zunächst viel Sinn, dass sich die Blockupy und Occupy-Bewegungen miteinander identifizieren. Neben den gewalttätigen Demonstranten gab es durchaus viele friedliche Demonstranten.

Ich schiebe mich an einem Karl-Marx-Shirt vorbei in den kleinen Vorraum. Er ist zu einer Planungszentrale geworden. Ich kann es mir nicht verkneifen. Ich spreche sie auf die Gewaltausbrüche in Frankfurt an. OccupyLSE-Mitglied Will Searby sagte mir: „Erkenne das Recht auf gewalttätigen Widerstand an!" Ich schluckte. Er fuhr fort: „Der Kontext, in dem die Gewalt aufgetreten ist, rechtfertigt die Gewalt.“ Keiner der anderen sechs OccupyLSE-Mitlgiedern widersprach ihm. Die Solidarität gilt wohl auch den gewalttätigen Demonstranten.

Ich kann mich nicht mit Gewalt solidarisieren. Für den Tag hatte ich genug. Es ist wichtig, dass Studenten ihre Universitäten prägen und sich Zeit nehmen, über Bildungsgerechtigkeit zu sprechen, aber wir dürfen hoffen, dass sie das Ideal eines gewaltfreien Widerstands achten werden.

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