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Student: Mein Leben in London

Von In England spüre ich besonders, wie deutsch ich bin. Wäre schön, wenn meine Landsleute das mal anerkennen würden.

In letzter Zeit häuft sich in Gesprächen in London regelmäßig die gleiche Frage. Die britische Höflichkeit verpackt die Frage in unterschiedlichste Formen:

Zurückhaltend: Fühlst du dich in Deutschland noch wohl?

Besorgt: Ist es für dich sicher in Deutschland?

Interessiert: Mögen dich die Deutschen?

Ehrlich: Sind die Deutschen rassistisch?

Ich kann solche Fragen nie einfach so stehen lassen. Ich möchte die Hintergründe verstehen. Auf Nachfragen weisen mich die Menschen auf verschiedene Geschehnisse hin. Sie sprechen von Sarazzin, den Vorfall mit dem indischen Studenten an der Uni Dresden, Pegida, Hogesa oder die CSU-Sprachdebatte.

Manche würden sagen, es sind Geschichten von gestern. Doch viele Menschen im Ausland schauen nun anders auf Deutschland. Tief sitzen die Bilder von Menschenmassen, die gegen muslimisches Leben in Deutschland demonstrieren oder Berichte über die steigende Anzahl von Angriffen auf Flüchtlinge. Schlagzeilen in britischen Leitmedien wie „Regierungspartei in Deutschland möchte Zuwanderern ihre Muttersprache verbieten“ haben einen bleibenden Eindruck hinterlassen.

Wir brauchen nun eine klare Gegenrede. Wir sollten Anlass geben, dass Weltoffenheit die neue Schlagzeile wird, und wir sollten selbstbewusster auf rechte Tendenzen reagieren. Mit den Schlagzeilen wird sich auch der Blick auf „Germany“ verändern.

Eine echte Willkommenskultur wäre ein Start. Mehr Willkommenskultur wünsche ich mir auch im deutschen Alltag. „Wo kommst du her?“ Die Frage ärgert mich nach meinem Aufenthalt in England noch mehr. In London ist sie mit meinem eher US-amerikanischen Akzent nicht gerade unberechtigt.

Mit 15 nahm ich neben meiner britischen Staatsbürgerschaft meine deutsche Staatsbürgerschaft an. So habe ich ein Dokument in meiner Hosentasche, das zweifelsfrei behauptet, ich sei Brite. Naiv wäre ich zu glauben, es würde mich berechtigen, mich Brite zu nennen, ohne von anderen reihenweise angezweifelt zu werden. Ich sei doch nicht in England aufgewachsen. Ich habe in meiner Kindheit keine Polo-Mints gegessen und ich kenne nicht die ungemein beliebten Soaps.

Absurde Kriterien, aber in einem Punkt haben sie recht. In vielen Punkten bin ich der britischen Kultur noch fremd. Denn ich bin in Deutschland aufgewachsen. Geboren in der Gutenberg-Stadt Mainz, zur Schule gegangen im Hohes C-Örtchen Nieder-Olm und eingeschrieben an der Goethe-Universität Frankfurt. Im Rheinland habe ich mein erstes Footballspiel gewonnen, meinen ersten Kuss überlebt und mein erstes Geld verdient. Ich verbrachte mein Leben in Deutschland.

Immer wieder muss ich dennoch rechtfertigen, warum ich Deutscher bin. Ich habe mich wie viele junge Menschen mit Migrationshintergrund abgestrampelt, als Deutscher akzeptiert zu werden. Gebetsmühlenartig wird wiederholt: Verdiene dein eigenes Geld. Lerne die Sprache. Bringe dich in die Gesellschaft ein. Sei erfolgreich. Beweise dich. „Guess what?“ Ich habe diese absurden Kriterien erfüllt.

Ja, man mag es nicht glauben, aber für manche Deutsche gibt es Zweitkriterien, um gemeinhin als Deutscher akzeptiert zu werden. Letztlich habe ich sie erfüllt, um als ein Mehrwert gesehen zu werden. Erfüllt, um zweifelsfrei als Deutscher wahrgenommen zu werden. Alle sollten erkennen, dass wir ihn dabei haben wollen.

Doch in Diskussionen trifft mich immer wieder der Satz: „Wenn es dir hier nicht gefällt, dann geh doch zurück in dein Land.“ Im Alltag wahlweise die Aussagen: „Ich weiß nicht, wo sie herkommen, aber so machen wir das in Deutschland.“ „Nun ja, du hast einen deutschen Pass, aber...“ Und: „Es gibt doch eigentlich keine Deutschen, die schwarze Menschen sind.“

Mit diesen kleinen Sätzen wird mir meine Heimat abgesprochen. Auch der Bundestagsabgeordnete Dr. Karamba Diaby wird noch heute gefragt, was er denn mit deutscher Politik zu tun habe. Er ist das perfekte Beispiel dafür, dass kein Dienst für die deutsche Gesellschaft, egal wie groß er auch immer sein mag, manchen Menschen genügen wird.

Integration ist ein Stück weit ein Versprechen. Man hält sich an die Regeln, und man wird angenommen. Das Versprechen wird ungemein oft gebrochen. Für viele Deutsche werden unzählige Menschen im gesamten Land nie „richtige Deutsche" sein. Ich werde für sie nie ein so genannter „richtiger Deutscher" sein.

Diese Denkstruktur gilt es aufzubrechen, und es wird ein ungemeiner Kraftakt. Heute kann ich nur schreiben: In meiner Zeit in London habe ich ein Stück „Britishness“ in mir selbst gefunden, aber entdeckte auch meinen starken Bezug zu meiner Heimat Deutschland. Ich sehe zwar „anders" aus, aber ich verspreche es: Ich bin ein „richtiger Deutscher".

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