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Blog einer dreifachen Mutter: Familienpackung

Von Der Harmonie-Alptraum heutiger Kinderbücher nervt. Ich mach mir die Welt, wie sie mir gefällt.
Ich sage es Ihnen ganz offen: Ich kann Conny nicht ausstehen. Sie kennen Conny nicht? Conny ist um die fünf Jahre alt, trägt mit Vorliebe einen roten Ringelpulli und ihre blonden Haare mit einer roten Schleife zum Zopf gebunden. Sie lebt mit ihrem kleinen Bruder Jakob und ihren Eltern in einer Stadt irgendwo in Deutschland und ist die Heldin einer ganzen Buchreihe für Kindergartenkinder. Unzählige bunt bebilderte Seiten lang begleiten meine Kinder und ich Conny zum Zahnarzt, in den Urlaub, auf den Bauernhof, in die Schule, auf einen Ausflug, zum Frisör. Ich kann es nicht mehr sehen. Ich will es nicht mehr lesen. Das Gör treibt mich auf die Palme: Conny ist immer brav, ihre Eltern immer entspannt, ihr Bruder nie nörgelig, die ganze Familie ein einziger Harmonie-Alptraum.

Tut mir leid, ich habe kein Conny-Kind Zuhause und auch keinen Jakob. Wenn wir einen Ausflug machen, ist das zwar auch schön und aufregend und auf jeden Fall ein tolles Abenteuer. Aber mein Sohn und meine Tochter streiten sich mindestens einmal darum, wer von ihnen die rote und wer die gelbe Brotdose einpacken darf. Der erste Frisörbesuch war von einem willensstarken „Ich geh’ da  nicht hin!“ begleitet, und das mit dem Zahnarzt klappt wahrscheinlich nur deshalb, weil wir einen in der Familie haben. Diese Bilderbuch-Familie ist von unserem Alltag so weit entfernt wie der Nordpol von Australien, und eigentlich finde ich das auch gut so. Es gruselt mir vor so viel Korrektheit. Und Conny ist nur ein Beispiel der schönen, heilen Kinderbuch-Welt.

Ich habe mich widersetzt. Bei uns Zuhause werden neuerdings im wahrsten Sinne des Wortes ganz andere Seiten aufgeschlagen. Da ist zum Beispiel dieser kleine blonde Lausejunge, gerade einmal fünf Jahre alt. Seine Missetaten füllen schon ganze Tagebücher und manifestieren sich in den kleinen Holzfiguren, die er während seiner regelmäßigen Arrestzeiten im elterlichen Schuppen schnitzt. Richtig, ich meine Astrid Lindgrens Michel aus Lönneberga. Den kenne ich gut, der wohnt nämlich des Öfteren bei uns. Pippi Langstrumpf übrigens ebenso: „Ich mach mir die Welt, wie sie mir gefällt!“ Auch Ronja Räubertochter blitzt mich aus den Augen meiner Tochter ganz häufig an. Wie bin ich froh darum!

Ich danke Astrid Lindgren für ihre wunderbaren, fantastischen Kinderbücher, die eigentlich auch jeder Erwachsene mindestens einmal gelesen haben sollte. Michel zieht seine kleine Schwester Ida am Fahnenmast hoch, damit sie bis nach Mariannelund sehen kann. Conny backt Pizza. Pippi nimmt ihre Freunde Thomas und Annika mit auf große Schiffsfahrt ins Taka-Tuka-Land. Conny schaut in der Musikschule vorbei. Ronja rettet den Räubersohn Birk vor dem Hungertod und kämpft im Räuberwald mutig gegen Wilddruden. Conny übt mit ihrem Bruder Jakob Laufradfahren.

Michel ist unartig, Pippi ist rotzfrech, Ronja hört nicht auf ihre Eltern. Die Erwachsenen schlagen die Hände über dem Kopf zusammen beim Anblick dieser Kinder. Meine Kinder lieben sie alle gleichermaßen. Sie lachen über die Streiche des Lausbubs, kringeln sich, wenn Pippi mit den dümmlichen Polizisten Verstecken spielt und bekommen leuchtende Augen, wenn Ronja mit Birk auf Wildpferden durch Wiesen und Wälder reitet.

Zum Brüllen komisch, mitunter zum Fürchten gruselig und auf jeden Fall spannend sind diese Geschichten. Aber ich glaube, dass Kleine und Große sie nicht nur deshalb lieben. Michel ist zwar ein Lausebub, aber er ist auch mutiger als manch Erwachsener, wenn er zum Beispiel den kranken Knecht Alfred beim schlimmsten Schneesturm auf dem Pferdeschlitten zum nächsten Arzt fährt. Pippi hat ein Herz so groß, dass ganz Schweden darin Platz findet. Sie beschützt die Schwachen und lehrt die Bösen das Fürchten. Ronjas Freundschaft zum Räubersohn Birk geht so weit, dass sie mit ihm in der Räuberhöhle überwintern will. Was für tolle Kinder! Und für diejenigen, die befürchten, dass die ungezähmte Wildheit dieser kleinen Protagonisten dem eigenen Nachwuchs im späteren Berufsleben ein Hindernis sein könnte: Michel wird, Sie erinnern sich vielleicht, Gemeinderatspräsident. Und Ronja schwört dem unehrenhaften Räuberleben ab und will mit Birk ein ehrliches Leben führen. Heldenhaft, in jeder Hinsicht
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