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Blog einer dreifachen Mutter: Familienpackung

Von Kindermund tut geheimnisvolle Wahrheit kund. Oder kennt jemand den ominösen Töns?
Wissen Sie, wer der „erste Töns“ ist? Nein? Wir leider auch nicht. Und es wird wohl für immer eines der großen Geheimnisse unserer Familiengeschichte bleiben. Mein Sohn war etwa eineinhalb Jahre alt, als er regelmäßig, wenn die Stimmung nur wild genug war, mit erhobenem Arm und begeistertem Blick den „ersten Töns“ beschrie. Wir haben ihn später, als seine Sprache nicht mehr vornehmlich aus Zwei- und Dreiwort-Sätzen bestand, gefragt, wer denn eigentlich dieser ominöse „Töns“ sei. Er konnte sich an nichts mehr erinnern und grinste schulterzuckend.

Ein anderes Rätsel habe ich dafür mit viel detektivischem Spürsinn und knallharter Recherche gelöst: Das „Lied vom lieben Gott“, nach dem meine Tochter tagelang beim Autofahren bettelte, fand ich nicht etwa im katholischen Gotteslob, sondern auf der CD mit den Apres-Ski-Hits. Bei „Viva Colonia“ von den Höhnern jubilierte die kleine Musikmaus: „Jaaaa! Das Lied vom lieben Gott!“ Verstehen Sie jetzt nicht? Ein kurzer Textauszug: „Wir lieben das Leben, die Liebe und die Lust. Wir glauben an den lieben Gott und ham auch immer Durst!“ Da hätte man ja gleich drauf kommen können.

Kinder und ihre Ausdrücke. Fantastisch. Tagebuch-Seiten haben wir vollgeschrieben mit den schönsten sprachlichen Erfindungen und Verdrehungen unseres Nachwuchses. Das Märchen vom „Dornhöschen“ wollte meine Tochter lange Zeit trotz Belehrung, dass es hierbei nicht um Hosen gehe, hören. Der  Hirsch im Wildpark war für sie zunächst schlichtweg das „Geweih“. Später, nachdem wir länger nicht dort gewesen waren, wurde daraus das „Gehirn“.

Ich gebe zu: Manche Sprach-Kuriositäten haben auch wir Eltern uns ausgedacht – und vergessen heute ab und an, dass es diese Ausdrücke eigentlich gar nicht gibt. Etwa die „Käsestreusel“ auf Pizza oder Aufläufen – ich muss gerade eben wirklich überlegen, wie man dazu im wahren Leben sagt. Und die „Ausruhzeit“ nach dem Mittagessen werde ich wohl auch nicht im Duden finden, ebenso wenig wie die „Pommes-Maschine“ oder die „Piratenfrucht“, mit der mein Mann den Großen die Ananas schmackhaft machen wollte. Letzteres hat übrigens prima funktioniert, auch wenn mein Sohn bei der Schuleingangs-Untersuchung das Bild einer Ananas munter und ohne Zögern mit „Piratenfrucht“ betitelte.

Das ist das Schöne an Sprache: Sie verbindet eine Familie. Wir verstehen einander, im wahrsten Sinne des Wortes. Wir sprechen eine Sprache. Und manchmal ist das eben auch eine Sprache, die nur wir sprechen. Und jeder hat seinen Teil dazu beigetragen. Haben Sie schon einmal einem kleinen Wortakrobaten, den Sie nicht gut kennen, im Gespräch mit seiner Mutter zugehört? „Ane hawe setze!“, verstehe ich dann zum Beispiel und verstehe gleichsam gar nichts. „Klar kannst Du die Banane jetzt haben“, antwortet die Mutter sofort. Es folgen weitere Worte des Knirpses, die sich für mich wie Urwäldisch anhören, den Eltern aber glasklar bedeuten, was gerade Sache ist. Und auch bei meinen Kindern haben Außenstehende nicht selten kapituliert, während ich sofort wusste, wonach sie gerade gefragt hatten.

Der Kleinste von unseren Dreien spricht noch nicht, zumindest nichts, was wir verstehen. Ich meine zwar manchmal, ihn grinsend „Bäh“ sagen zu hören, so wie ich es schon unzählige Male gemacht habe, wenn er sich wieder einmal Steine, Sand oder Papier in den Mund gesteckt hat. Aber es mag sein, dass ich mir das bloß einbilde. Wir sind jedenfalls schon jetzt gespannt, mit welchen Wort-Kreationen er uns erfreuen wird. Und wer weiß, vielleicht löst er es ja doch für uns, das Rätsel vom ominösen „Töns“.
 
 
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