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Blog einer dreifachen Mutter: Familienpackung

Von Kinder brauchen auf der Schaukel irgendwann keinen Schubs mehr. Es sind wir Eltern, die ab und an einen Schubs brauchen.
Es ist die kleine Emilia, die mir die Augen öffnet. Sie schaut mir aufmerksam zu, als ich im Kindergarten vor meinem damals vierjährigen Sohn knie, um ihm seine Turnschuhe aus- und die Hausschuhe anzuziehen. „Bist du seine Dienerin?“, fragt mich Emilia mit dieser Mischung aus Neugier, Offenheit und Charmanz, die wohl nur Kinder an den Tag legen können. „Ähhhh...“ Mir hat es für einen Moment die Sprache verschlagen. Nein, natürlich bin ich nicht die Dienerin meines Sohnes. Oder doch?

Es war das letzte Mal, dass ich dem kleinen Lausebengel die Schuhe angezogen habe. Fortan erledigte er das selbst. Widerstrebend und quengelnd zwar, aber siehe da: Es funktionierte einwandfrei. Wahrscheinlich hatte er es zuvor im Kindergarten bereits monatelang geübt. Genau so wie das Schaukeln übrigens: Ich schubste ihn immer noch brav an, als er fast schon fünf war. Bis ich ihn eines Tages, er fühlte sich unbeobachtet, in unserem Garten dabei ertappte, wie er hoch schwingend durch die Lüfte flog - durch die Kraft seiner eigenen Beine. „Du kannst das ja alleine!“, rief ich, halb begeistert, halb erstaunt. „Ja klar, aber wenn Du es machst, ist es schöner!“, gab er rundheraus zu.

Was soll man dazu sagen? Irgendwie hat er ja recht, der liebe Sohn: Wenn Mama widerstandslos alles für mich erledigt, warum soll ich mich mühen? Ist andersrum doch viel bequemer. Die Schelte muss wohl eher an mich gehen. Es ist manchmal gar nicht so einfach zu erkennen, wie groß unsere Kinder schon sind, was sie alles alleine können und wo wir sie getrost einmal machen lassen dürfen im ruhigen Vertrauen darauf, dass sie das schon hinkriegen. Ohne Hilfe. Ohne uns Eltern. Dass sie den Weg vom Schulfreund nach Hause alleine schaffen. Dass sie das Fensterbild selbst ausschneiden können. Dass sie fähig sind, die Marmelade mit dem eigenen Messer aufs Brötchen zu schmieren. Ja, jetzt schon. Nicht erst bei Eintritt aufs Gymnasium oder mit Erreichen der Volljährigkeit.

So ein kleiner Schubs von außen tut da ab und an gut - ob er nun von Emilia kommt, von der guten Freundin oder von der Erzieherin im Kindergarten. „Das macht er schon, mach dir keine Sorgen!“ „Sie kann das, ganz bestimmt!“ Wie viel meine Kinder schon können, könnte ich übrigens noch des Öfteren im Kindergarten beobachten. Ich sah sie dort zum Beispiel ohne Murren und Meckern ihre Teller und Gläser auf den Geschirrwagen räumen, nachdem sie hinreichend gefrühstückt hatten. Mehr noch: Ich hörte meine Tochter gar andere Kinder disziplinieren: „Das Glas kommt ganz oben hin!“ Und das von einer, die bis dato Zuhause noch nie freiwillig ihren Teller abgeräumt hatte.

Ich gebe es ja zu: Ganz tief in mir drinnen ist ein winzig kleiner Teil, der es vielleicht ganz schön findet, dass der Nachwuchs noch nicht alles alleine kann. Der weiß, dass ein jeder Schritt unserer Kinder nach vorn in die Selbständigkeit auch ein Schritt weg von Mama und Papa ist. „Und morgen zieht er aus!“, sage ich manchmal im Scherz zu meinem Mann, wenn der Große mal wieder etwas geschafft hat, was ich bis vor kurzem noch für undenkbar gehalten hätte. Na ja, falls es zu schlimm werden sollte mit derlei Klammer-Attacken, weiß ich, was zu tun ist: Ich lade einfach mal Emilia auf einen Kakao ein.
 
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