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Blog einer dreifachen Mutter: Familienpackung

Von Sie bekämpfen und beschimpfen sich, sie trösten und beschützen sich. Das ist wahre Geschwisterliebe.
Es gibt da einen Satz meiner Hebamme, den ich nie vergessen werde. Es war im Geburtsvorbereitungskurs für Zweitmütter, und wir Schwangeren sorgten uns im Sitzkreis bei Rooibos-Tee und Haferkeksen darum, wie unsere Erstgeborenen es aufnehmen würden, dass sie schon bald nicht mehr die Alleinherrscher im elterlichen Universum wären.  „Denkt immer daran: Geschwister sind eine Gnade“, sagte meine kluge, lebensweise Hebamme. Unsere Kinder müssten zwar fortan das Teilen lernen, hätten dafür aber immer jemanden, „von dem sie genau wissen, der ist auf meiner Seite.“

Geschwister sind eine Gnade. Aber ehrlich: Manchmal sind sie einander einfach nur die Hölle. „Der hat mich geschubst!“, schreit die Kleine, als sie mit tränenverschmiertem Gesicht aus dem Kinderzimmer kommt. „Sie hat mich getreten!“, erwidert der Große, ihr direkt auf den Fersen, nicht minder erbost. „Er hat mich aber gekratzt!“ „Sie hat mich gebissen!“ „Er hat mich nicht ausreden lassen!“ „Sie hat mich beleidigt!“ Und wie zum Beweis, dass das alles auch tatsächlich geschehen und nicht bloß ihrer kindlichen Fantasie entsprungen ist, schubsen, treten, kratzen und beißen die beiden Streithähne einander gleich noch einmal. Um was es ging? Es könnte alles sein: die verlorene Runde Uno, der Kampf um die Schaukel, der Streit um die Lupendose, die in die Ecke geworfene Puppe der Kleinen, das achtlos bekritzelte Bild des Großen.

„Hey!“, möchte ich in solchen Momenten am liebsten schreien. „Geschwister sind eine Gnade, verstanden? Also benehmt Euch auch so und seid friedlich!“ Stattdessen setze ich den mütterlichen Blauhelm auf und versuche mich in gerechter, gewaltfreier Konfliktlösung. Oder verwandele mich, wenn es mir zu bunt wird, in den biblischen Salomon: „Entweder ihr einigt Euch jetzt, wer das Hüpfseil zuerst kriegt, oder ich nehme es Euch ab!“ Und verschenke es an Kinder, die ihre Geschwister wie ein Gnadengeschenk behandeln und nicht wie eine der sieben biblischen Plagen, möchte ich noch gerne ergänzen, wahre aber die Contenance.

Ich gebe es ja zu: Manchmal kann ich die Raufbolde zumindest ein wenig verstehen. Spielsachen, Eltern und manchmal auch Freunde teilen macht nicht immer Spaß. Rücksicht nehmen und zurückstecken kann richtig schwer fallen. Wenn ich mit dem Großen Hausaufgaben mache, kann ich mit der Kleinen nicht puzzeln oder ein Bild malen. Weil ich sie zum Schwimmen fahren muss, kann der Bruder seinen Freund nicht einladen. Erwacht der Kleine aus seinem Mittagsschlaf, ist die Kuschel-Vorlesezeit auf dem Sofa für die beiden Großen beendet. Steht hingegen das Laternenfest im Kindergarten an, muss der Kleine im Kinderwagen mit, auch wenn für ihn jetzt eigentlich Abendessen und Zubettgehen auf dem Tagesprogramm stünde.

Was mute ich meinen Kindern damit zu?, frage ich mich hin und wieder mit schlechtem Gewissen. Das hält aber meistens nicht zu lange an. Denn wissen Sie, warum ich meinen Blog gerade jetzt schreiben kann? Der Kleine hält Mittagsruhe, und die Großen haben sich ins Wohnzimmer verzogen und spielen seit bestimmt einer halben Stunde friedlich „Babykatze“ miteinander. Und „Vater, Mutter, Kind“. Und Bobbycar-Rennen um den Esszimmertisch. Und irgendein seltsames Spiel, dessen Regeln und Inhalt wohl nur sie selbst verstehen und an dem ich mich zum Glück nicht beteiligen muss. Sie haben ja einander, das reicht vollkommen.

Und wissen Sie, was passiert, wenn die Kleine todunglücklich vor ihrem Kleiderschrank schmollt, weil ich ihr verboten habe, im neuen hübschen Schlafanzug mit den Glitzer-Ponys in den Kindergarten zu gehen? Schwupps, sitzt der Große bei ihr und legt ihr brüderlich den Arm um die Schulter: „Zieh doch den Mickymaus-Rock an, der sieht auch schön aus.“ Oder wenn der Große missmutig in seinem Zimmer sitzt, wohin ich ihn wegen wiederholter Verrichtung groben Unfugs bis zum Abendessen verbannt habe? Kaum habe ich mich versehen, hat sich die Schwester zu ihm geschlichen und leistet ihm die halbe  Stunde bis zum Abendbrot Gesellschaft. Und wenn die beiden ihren kleinen Bruder auf das Bobbycar setzen und mit viel Lärm und Getöse durchs Haus schieben – so lacht der kleine Mann nur mit seinen Geschwistern.

Meine liebe Hebamme, Du hattest natürlich wie immer recht: Geschwister sind eine Gnade.
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