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Blog einer dreifachen Mutter: Familienpackung

Von Sein Wort war unseren Kindern Gesetz. Der Nikolaus war eine prima Erziehungshilfe – bis er sein Geheimnis lüftete.
In vier Tagen ist Nikolaus, und wir feiern Premiere: Das erste Mal wird mein Mann sich nicht am frühen Abend zu einem „Termin“ verabschieden, und gut 20 Minuten später klingelt ein etwa gleich großer Nikolaus an der Tür, der zufälligerweise auch die gleichen Wanderstiefel wie Papa besitzt und, wenn man mal ganz genau hinhört, sogar ähnlich spricht. Nein, dieses Jahr wird es dieses Spektakel nicht geben.

Wir hatten schon im vergangenen Dezember ein schlechtes Gewissen: Dürfen wir einem Vorschulkind das Theater vom weißbärtigen Mann im roten Mantel mit Kartoffelsack über der Schulter und goldenem Buch im Gepäck überhaupt noch vorspielen? Ist er dafür nicht schon zu alt? Lachen ihn seine Kita-Kumpel aus, wenn er erzählt, dass ihn gestern Abend der Nikolaus besucht hat?

„Ach komm, dieses Jahr geht das noch!“, überzeugten mein Mann und ich uns schließlich gegenseitig. Und wir sollten recht behalten. Mit ehrfürchtigem Blick und staunenden Augen begrüßten der Große und die Kleine den Rotgewandeten an der Haustür. Höflich ließen sie ihn ein, lauschten mucksmäuschenstill seinen Worten, die ihre guten und weniger guten Taten der vergangenen zwölf Monate reflektierten, und sagten anschließend sogar artig Gedichte auf. Meine wilden Kinder saßen brav und still auf dem Schoß des Nikolaus und gelobten feierlich, sich nie wieder zu streiten, lieb zu Mama und Papa zu sein und immer, immer, immer miteinander zu teilen. So könnte es weitergehen, bis sie 18 sind.

Mehr noch: Der Nikolaus funktionierte selbst Monate später noch als moralische Instanz. „Was hat der Nikolaus gesagt?“, konnte ich die beiden im noch so argen Geschwisterzwist fragen. „Wir sollen teilen und lieb sein“, antworteten sie kleinlaut und gesenkten Hauptes. Fantastisch. Nikolaus, wir lieben Dich!

Aber dieses Jahr müssen wir es wohl endgültig einsehen: Der Nikolaus hat ausgedient. Mein Mann hat den Großen bereits vor einigen Wochen in einem vertraulichen Männergespräch eingeweiht: Der Nikolaus, das ist in Wirklichkeit der Papa. Der Junior hat es mit Würde aufgenommen. Vermutlich, weil er es tief drinnen in seinem Kinderherzen schon lange gewusst hat. Dann hat er aber noch versprochen, es seiner kleinen Schwester nicht zu verraten. Und natürlich noch am selben Abend alles ausgeplaudert. 

Jetzt wissen sie es also beide. Was sie aber auch begriffen haben, ist, dass es diesen Menschen, dessen Fest wir am 6. Dezember feiern, einmal, vor sehr langer Zeit, wirklich gegeben hat. Zwar nicht mit rotem Mantel und weißem Bart, dafür aber mit einem großen Herzen für seine Mitmenschen. Also durchaus einer, der auch weiterhin Vorbild und Mahner für unsere Kinder bleiben darf.

Und wenn ich ehrlich sein soll: So ganz entschieden ist die Sache nun auch wieder nicht. Wir erwägen, in diesem Jahr unseren Nachbarn und guten Freund als roten Mann an der Haustüre klingeln zu lassen. Das natürlich, wenn Papa da ist. Zumindest wir Erwachsenen hätten einen Riesen-Spaß dabei. Und würden später natürlich alles aufklären. Natürlich.
 
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