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Familienpackung

Von Was wäre, wenn Du Jesus heute geboren hättest? Ein offener Brief an die Jungfrau Maria.
Die Madonna mit Jesus-Kind: Zu ihren Füßen der Basler Bürgermeister Jakob Meyer zum Hasen mit seiner Familie, der das Gemälde in Auftrag gab.	Foto: Archiv Die Madonna mit Jesus-Kind: Zu ihren Füßen der Basler Bürgermeister Jakob Meyer zum Hasen mit seiner Familie, der das Gemälde in Auftrag gab. Foto: Archiv
„Und sie gebar ihren Sohn, den Erstgeborenen. Sie wickelte ihn in Windeln und legte ihn in eine Krippe, weil in der Herberge kein Platz für sie war.“ (Lk 2,7)

Sag mal, Maria, wie wäre das eigentlich gewesen, wenn Du Deinen Jesus nicht vor 2000 Jahren geboren hättest, sondern heute? Maria, ich glaube, es fängt schon mit dem Engel Gabriel an, der Dir damals die frohe Botschaft verkündet hat: „Fürchte dich nicht, Maria!“ Wie ein Traum muss er Dir vorgekommen sein. Der Botschafter, das wäre heute wohl Dr. Gabriel, der Dich nach ausführlichem Ultraschall mit Mutterpass ausstattet und Dir gleich mit auf den Weg gibt, dass Du Dich in den kommenden neun Monaten von Rohmilchkäse, Mett und Sushi fernzuhalten hast. Unzählige Ultraschall-Untersuchungen, Bluttests und Blutdruckmessungen später - es wäre natürlich längst klar gewesen, dass Du einen Jungen gebären wirst, wieviel er wiegen, wie groß er sein und wie sein Herz schlagen wird – hättest Du Dich dann auf den Weg gemacht nach Bethlehem. Aber weiß Gott nicht auf einem Esel, da mag es Josef noch so gut gemeint haben.

In einem mit Vorder- und Seitenairbag ausgestatteten Kombi wärst Du gen Bethlehem gezogen, auf der Rückbank versehen mit einer Isofix-Vorrichtung, den Maxi-Cosi gleich darauf festgeschraubt. Eine voll bepackte Krankenhaustasche dabei, mit Kleidung für Dich und den kleinen Mann, mit Schnuller, Schnullerkette, Spieluhr und Kuscheltier. Mindestens. Josef hätte sich um die Spiegelreflex-Kamera zur Dokumentation des großen Ereignisses gekümmert und Euren Wagen dann nicht etwa vor einem lausigen Stall abgestellt, sondern auf dem Storchenparkplatz eines zertifizierten Krankenhauses mit angeschlossener Kinderklinik und Familienzimmern.

Maria, es ist nicht überliefert, ob und wie lange Du Schmerzen hattest, bis Dein kleiner Sohn das Licht der Welt erblickte. Aber sei sicher, heute würden sie Dich mit Globuli, Wehentropf, PDA, Badewanne und Atemübungen schon dazu bringen, dass es voran geht, und wenn nicht, dann würde der Gottessohn mit einem Kaiserschnitt auf die Welt befördert. Und danach selbstverständlich eingehend untersucht – gewogen, gemessen, betastet, gedreht und gewendet, gebadet, gewickelt, mit Namensband und Strampler versehen. Alsdann selbstverständlich nicht in eine verkeimte, kalte Futterkrippe gelegt, sondern in ein Baby-Bay gebettet, direkt neben Dir, die Du Dich auf einem weißen Krankenhausbett von den Strapazen der Geburt erholen dürftest.

Liebe Maria, ich glaube, es wäre nichts geworden aus dem Besuch von Ochs und Esel am Bettchen des kleinen Jesus. Die Hirten, direkt vom Feld, mit verdreckten Schuhen und Dreitage-Bart, hätten sie vermutlich auch nicht eingelassen in das Krankenhauszimmer, Engels-Botschaft hin oder her. Da könnte ja jeder kommen und von einem leuchtenden Himmel mitten in der Nacht erzählen.

Ich weiß nicht, ob man den Stern wirklich hätte leuchten sehen über der von elektrischem Licht geblendeten Stadt. Du hättest aber darauf vertrauen dürfen, dass die drei Weisen aus dem Morgenland über ein Auto mit Navi verfügen, das sie zielsicher und nicht nur des Nachts zu Eurem Krankenhaus führt. Mit Gold hätten sie sicherlich punkten können; aber Myrrhe und Weihrauch wären es wahrscheinlich nicht gewesen, die sie dem kleinen König dargebracht hätten. Vielleicht eine Windeltorte, ein Bobbycar, ein Schaukelpferd?

Und wenn deine erste Nacht mit dem Baby gar nicht so still gewesen wäre, wie wir es heute besingen, dann sei gewiss, eine Hebamme, eine Kinderkrankenschwester oder eine Stillberaterin hätten Dir gezeigt und erklärt, wie Du den Kleinen zu tragen, zu halten, zu pucken, zu wickeln, zu cremen und zu nähren hast. Mit der Manduca-Trage, dem Pucksack, den Pampers Ultra Dry und all diesen Dingen, um die Du Dir damals gar keine Gedanken zu machen brauchtest.

Maria, ich weiß nicht, wie es heute geendet wäre mit Deinem Sohn. Aber ich weiß eines: Es wäre alles genau dokumentiert. In der Patientenkartei Eures Kinderarztes, beim Kindervorsorgezentrum, im Portfolio-Ordner des Kindergartens, in den Akten des schulärztlichen Dienstes, bei Facebook, Twitter und weiß der Herr, wo noch. Und wir? Wir könnten vermutlich nicht mehr singen und erzählen von dieser geheimnisvollen, wundersamen Nacht und dem Stern über dem Stall. Maria, vielleicht ist es doch ganz gut, dass Dein Sohn vor 2000 Jahren auf diese Welt gekommen ist.
 
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