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Dreifache Mutter: Familienpackung

Von Viele Eltern drängen ihre Kinder zum Sport. Wir lassen unsere in Frieden, seit wir ein Eigentor geschossen haben.

Es sollte die ganz große Überraschung werden. Das Super-Geschenk, der Knaller schlechthin. Ein Fußballtor zum fünften Geburtstag des Großen. In einer Nacht-und-Nebel-Aktion bauten mein Mann und ich es auf, damit unser Sohn es an seinem Ehrentag gleich morgens sehen und vor Freude schier an die Decke gehen würde. Dachten wir jedenfalls. „Oh“, sagte er mit ausdruckslosem Gesicht. „Ein Tennis-Tor.“ Wir wussten einen Moment lang nicht, ob wir laut loslachen oder weinen sollten. „Nein, das ist doch zum Fußballspielen, beim Tennis gibt es doch gar kein Tor“, versuchte es mein Mann. „Mhm. Kann ich jetzt die anderen Geschenke aufmachen?“ Mhm. Sicher.

Das „Tennis-Tor“ war die nächste Zeit trotzdem der Burner. Alle Jungs in der Nachbarschaft, mit und ohne Väter, liebten es. Jeder Kita-Freund, der zum Spielen zu uns kam, war hin und weg. Mein Sohn hingegen war vor allem eins: weg. Und zwar möglichst weit weg von Tor und Ball und Spielern. So sieht ein gelungenes Geburtstagsgeschenk aus. Wir grübelten zunächst, wie wir ihn überreden könnten, es doch wenigstens einmal zu probieren mit dem Runden, das ins Eckige muss. Dann grübelten wir, warum er sich so beharrlich weigerte. Und schließlich erkannten wir: Ist ja eigentlich gar nicht so verwunderlich. Woher soll sie denn kommen, die Leidenschaft am Kicken? Generell: die Leidenschaft, sich überhaupt sportlich zu betätigen. Aus dem so gerne und viel beschworenen Elternhaus sicher nicht.

Ich erinnere mich noch gut an meinen kindlichen, hartnäckigen Widerstand, als meine Mutter mich zum Turnen schickte. Und, später dann, an meine Freude am Schulsport. Nur Handarbeit und Sägen war schlimmer. Brennball, Völkerball Federball, Basketball, Volleyball – die Pest auf Erden für mich. Und ganz ehrlich: Heute gehöre ich auch nicht zu jenen Menschen, die als ihre Hobbys Wandern, Radfahren oder Klettern angeben. Ich bewege mich den ganzen Tag. Treppe rauf, Treppe runter, Tür raus, Tür rein, einkaufen, aufräumen, Kinder abholen, dem Kleinsten hinterherrennen – genug Sport, völlig ausreichend.

Trotzdem habe auch ich meinen großen Kleinen zum Kinderturnen geschoben und gezogen. Weil der Kinderarzt Sport generell befürwortet und weil alle anderen auch dort waren. Und überhaupt: Warum sollte es ihm besser gehen als mir damals? Er turnte also. Widerwillig und zumeist völlig lustbefreit, dafür aber nie um eine Ausrede verlegen. Er zog alle Register: „Ich habe so ein komisches Gefühl im Bauch.“ „Mein Kopf will ja, aber die Beine nicht.“ „Ich muss mich ausruhen.“ Nix da, wer sein Tennis-Tor nicht ehrt, turnt. Bis zum Ende des Kindergartens ließ ich ihn einmal die Woche zwischen Barren, Ringen und Bällen allein. Der triumphale Gesichtsausdruck beim letzten Turnnachmittag sprach Bände: Endlich!!!

Seitdem lasse ich mein Kind in Frieden. Er bewegt sich viel, er bewegt sich gerne, er klettert, rennt und tobt – genug Sport, völlig ausreichend (lieber Herr Kinderarzt, liebe Turnlehrerin: Falls Ihr das lest, bitte gleich wieder vergessen). Unsere große Sorge nach dem Tennis-Tor-Fiasko, der Junge werde niemals Fußball spielen lernen und auf dem Schulhof als gemobbtes, einsames und unglückliches Kind enden, war übrigens – wie so viele andere elterliche Sorgen – völlig grundlos: Dank seines mit Leidenschaft kickenden italienischen Kindergarten-Freundes ließ sich unser Sohn im vergangenen Jahr tatsächlich zu einigen Probestunden Fußballtraining hinreißen. Immerhin genug, um mit den neuen Schulkameraden mithalten zu können. Wenn die denn überhaupt mal Fußball spielen. Mir scheint, da stehen noch mehrere Tennis-Tore in unserer Stadt.
 

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