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Dreifache Mutter: Familienpackung

Von Meine Tochter liebt ihre Puppen-Welt, meine Jungs stehen auf Spielzeugwaffen. Problematisch wird's nur, wenn man daraus ein Riesenproblem macht.

Mal ganz ehrlich: Als Sie Kind waren, mit was haben Sie da gespielt? Wenn ich versuche, mich an mein Kinderzimmer zu erinnern, tauchen vor meinem geistigen Auge Bilder von Puppenwagen, Babypuppen, Barbies, Barbie-Pferden und einem Barbie-Haus auf. Lego gab es auch mal, ja, und Playmobil. Aber was mich und meine beste Freundin in der Grundschulzeit nachmittagelang beschäftigte und friedlich, versunken und glückselig vereinte, waren: Barbies, Barbies, Barbies.

Und meine Kinder? Das Zimmer der Kleinen ist eine Farbenexplosion aus Rot, Rosa, Pink, dazwischen auch mal Weiß, und Glitzer. Ein Puppenwagen steht darin, ein riesiges Stofftier-Pferd, ein Puppenbett, ein Puppenhochstuhl, Babypuppen, große Puppen, kleine Puppen, sehr kleine Puppen. Ich hätte mich darin sehr wohl gefühlt als Kind.

Beim Großen hingegen hängt seit kurzem das selbst gesägte Holzschwert an der Wand, flankiert von einer Rolle Absperrband, daneben der ferngesteuerte Bagger, die Kiste Lego, die Ritterburg, der Detektiv-Koffer.

Wie schrecklich, mag jetzt der ein oder andere denken. Müssen die ihre Kinder so erziehen? Mädchen üben beim Puppenspielen schon mal das Baby-Hüten, und Jungs bereiten sich beim Schwertkampf und Ritterspiel auf das harte, erbarmungslose Durchboxen in künftigen Manager-Etagen vor. Geht das nicht geschlechtsneutraler?

Meine ehrliche Meinung: Nö. Denn: Ich bin mir sicher, es gibt ein bislang unentdecktes Gen. Es nennt sich Baustellen- und Fahrzeuge-Gen und ist ausschließlich im männlichen Körper zu finden. Das analoge Gen für Frauen ist mit Sicherheit das Schuh-Gen. Oder das Taschen-Gen.

Beweise? Eines der ersten Wörter, das mein Großer sagen konnte, war „Raaaan!“ Das rief er jedes Mal begeistert aus, wenn wir uns einer Baustelle mit Kran näherten. Es gab eine Zeit, er war so um die zwei Jahre alt, da mussten wir das Baufahrzeuge-Bilderbuch vorwärts und rückwärts lesen, mehrmals jeden Tag.

Er wusste und weiß noch heute, was ein Tieflader, ein Grader und ein Raupenbagger sind. Beim Einschulungsgespräch zeigte die Rektorin ihm das Bild einer Straße, auf der unter anderem Absperrhütchen aufgestellt waren. „Da sind ja Pylonen!“, rief er begeistert aus.

Und der Kleinste? Spricht außer „Mama“ und „Papa“ noch kein richtiges Wort, fährt aber mit Begeisterung auf Knieen rutschend kleine Autos durch die Gegend und macht dabei „Bruuuuummmm“. Ich erinnere mich nicht, ihm gesagt zu haben, er dürfe ausschließlich mit Fahrzeugen spielen oder ihm in irgendeiner Weise bedeutet zu haben, er solle die Puppen seiner Schwester nicht anfassen.

Die Kleine wiederum interessiert sich die Bohne für die verschiedenen Arten einer Baggerschaufel. Es ist ihr wurst, wenn auf dem Grundstück neben uns eine Baugrube ausgehoben wird. Okay, sie baut gerne mit Lego. Prinzessinnen-Schlösser, Häuser mit Mama, Papa und Baby, Blumenwiesen und Pferdeställe entstehen dabei. Und einmal hat sie sich tatsächlich Flip-Flops aus Lego-Platten gebaut. Ich sage nur: Schuh-Gen.

Unsere Jungs sind typische Jungs, unser Mädchen ist ein typisches Mädchen, die meiste Zeit zumindest. Ist das schlimm? Wird meine Tochter, wenn sie groß ist, eine magersüchtige Barbie, weil sie so gerne mit den streitbaren Mode-Puppen spielt? Verzichtet sie auf eine ordentliche Berufsausbildung und hütet ausschließlich Kinder?

Ist meinem Sohn eine kriminelle Karriere vorbestimmt oder ein völlig inakzeptables Sozialverhalten, weil er mit Leidenschaft sein Spielzeug-Gewehr bedient und sich im Schwertkampf übt?

Ich glaube, sich über derartige Dinge ernsthaft Sorgen zu machen, ist ein absolutes Luxusproblem einer Gesellschaft, die satt und gesund ist und in Frieden leben darf. Ich denke, es ist völlig in Ordnung, den Mädchen die Puppen und den Jungs die Autos zu lassen. Und sich zu freuen, wenn die Tochter sich auch mal als Ritter verkleidet oder der Sohn Freundschafts-Armbändchen bastelt. Wenn Bruder und Schwester gemeinsam „Vater, Mutter, Kind“ spielen und im nächsten Moment als Geheim-Agenten ums Haus ziehen.

Was übrigens dabei herauskommt, wenn man den Jungs aus Liebe zum Frieden die Spielzeuggewehre verbieten will, hat eine Freundin von mir erfahren müssen: Nachdem sämtliche Pistolen und Plastikgewehre in ihrem Haushalt entsorgt waren, beobachtete sie die Jungs eines Abends dabei, wie sie am Essenstisch Brotscheiben so lange bekauten, bis diese wie Pistolen geformt waren, und sich dann heimlich unter dem Tisch damit beschossen.

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